Kategorien
BLOG

Hallo, Angst!

In Corona-Zeiten gibt es mehr Anlässe denn je, Angst zu haben. Dabei ist die Angststörung schon jetzt eine der häufigsten psychischen Krankheiten überhaupt. Führungskräfte bleiben davon nicht verschont. Wie können sie sinnvoll auf die eigene Angst reagieren? Viele kleine Tipps für den Umgang mit einem starken Gefühl.

Hier die Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit, verstanden als kleiner Werkzeugkasten, aus dem man sich bedienen kann.

  • Gestehen Sie sich ein, dass Sie Angst haben. Es muss niemand anderes dabei sein, wenn Sie das tun. Erlauben Sie sich ruhig die Vorstellung, dass alles den Bach herunter geht, lassen Sie Ihrer Trauer freien Lauf, weinen Sie, gönnen Sie sich die Verzweiflung, unterdrücken Sie sie nicht.
  • Wenn Sie es nicht fertig bringen, diese Emotionen als „Angst“ zu bezeichnen, dann nehmen Sie andere Namen: Unsicherheit, Unbehagen zum Beispiel. Oder geben Sie ihnen alberne Namen – was auch immer, aber benennen Sie sie.
  • Stellen Sie sich diese Gefühle wie einen Zug vor, der mit Geschwindigkeit in einen Bahnhof einläuft und ihn wieder verlässt und beobachten Sie ihn dabei.
  • Begrüßen Sie die Gefühle: Hallo, Angst! Hallo Sorge! und verabschieden sie wieder: Bis zum nächsten Mal! Bis später!
  • Spielen Sie Detektiv und finden heraus, wann die Angst auftritt. Bestimmte Absender in Ihrem E-Mail-Progamm? Bestimmte Äußerungen anderer? Bestimmte Nachrichten und Berichte? Es hilft, diese Angstanzeiger aufzuschreiben.
  • Die Anzeiger äußern sich oft auch körperlich – Enge in der Brust, flaches Atmen, verkrampfte Schultern, angespannte Kiefermuskulatur. Ich empfehle eine Übung, bei der man sich aufrecht auf einen Stuhl setzt und alle Teile des Körpers der Reihe nach durchgeht und darauf achtet, welche sich angespannt anfühlen. Dann kennen Sie Ihre Angstanzeiger. Linderung verschaffen Sie sich, indem Sie in diese verspannten und vielleicht schmerzenden Regionen hineinatmen.
  • Strukturieren Sie Ihre Zeit – wer es schafft, sich selbst besser zu organisieren, der hat eine stärkere Kontrolle über seine Angst. Also zum Beispiel eine To-Do-Liste jeden Morgen erstellen. Oder einen Tagesplan aufstellen, am besten in 30-Minuten-Abschnitten, wobei man darauf achten sollte, seinen Kalender nicht zu überfrachten.
  • Starten Sie kleine, sinnvolle Handlungen. Ob das nun das Sortieren von Rechnungen ist, das Gießen von Blumen, das Aufräumen Ihres E-Mail-Kontos – wichtig ist, dass man sich auf etwas konzentriert, das unmittelbar ansteht. Solange, bis die Panik nachlässt.
  • Eignen Sie sich eine Achtsamkeitstechnik für den Notfall an. Eine klassische Atemübung zum Beispiel, etwa die 4-7-8-Atemtechnik (bis 4 zählen beim Einatmen, bis 7 beim Atem anhalten und bis 8 beim Ausatmen). Oder sie richten Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes, indem Sie sich zunächst auf die Angst fokussieren, die Aufmerksamkeit dann aber langsam zu einem Gegenstand in Ihrer Hand (einen Stift, ein Buch) wandern lassen.
  • Vertagen Sie die Angst. Sie können Ihr zum Beispiel mitteilen, dass Sie grade jetzt wenig Zeit für sie haben. Sätze wie: „Angst, bleib wo du bist. Ich arbeite gerade an eine Lösung und muss diese Aufgabe erst erledigen.“

Für Führungskräfte (natürlich nicht nur für dieser) gilt zudem, dass sie sich trauen sollten, über ihre Emotionen zu reden, also auch über ihre Angst. Wenn Sie zum Beispiel zugeben, dass es Ihnen in der aktuellen Situation nicht gut geht, Sie sich Sorgen machen und manchmal nicht schlafen können, dann entlastet das nicht nur Sie selbst, sondern hilft den anderen, sich normal zu fühlen. Diese merken, dass sie mit ihrer Angst nicht allein sind, was zu einer emotionalen Verbundenheit führt.

Sie können dies sogar in Krisenzeiten ein kleines Stück fördern, z.B. durch die Ampelübung. Jeder sagt zu Beginn eines Treffens kurz, wie er sich fühlt, also rot, gelb oder grün. Und wer möchte, kann dazu auch erzählen, warum das so ist, niemand muss.

Mag sein, dass Sie die meisten Empfehlungen für sich als wenig tauglich ansehen, aber vielleicht ist die eine oder andere dabei, die Sie doch ausprobieren möchten. Wichtig ist auf jeden Fall: Je nach dem Grad der Angststörung sollten Sie sich professionelle Hilfe holen! Auch ein Schritt, der eher für Stärke als für Schwäche steht.

www.michaeltiefel.com

 

Kategorien
BLOG

ZOMBIFIKATION zu VUCA-Zeiten

Sollte man in komplexen Situationen lieber auf die Urteilskraft von Nicht-Experten vertrauen?

Eine gewagte Hypothese: In „nur komplizierten“ Fällen helfen uns Experten mit ihrem Fachwissen. Aber in VUCA-Zeiten stehen sie dem Fortschritt eher im Weg, weil sie ihr Wissen in der Vergangenheit erworben haben. Auf wen soll man dann setzen?

Experten werden zweifellos überall benötigt werden und niemand möchte auf ihre Expertise verzichten (Urteilskraft vor Instanz). Aber dummerweise vertrauen wir (und auch Manager) auch bei neuen Problemstellungen auf Fachleute, und diese erstellen in der Tat ja auch ständig Prognosen über die Zukunft. Es gibt eindrucksvolle Beispiele, bei denen Experten um Vorhersagen gebeten wurden und bei 80.000 Prognosen die Trefferquote nicht höher lag als bei Zufallstipps.

Wenn die Experten aber in Sachen Prognosen überfordert sind – wer kann es besser? Angeblich unterschätzen wir „die Leistung von Nichtexperten bei komplexen Fragestellungen fahrlässig„.
Ein schönes Beispiel: Ein niederländischer Verkehrsplaner entfernte in den 80er Jahren sämtliche Schilder und Ampeln an Hauptverkehrsstraßen. Fahrbahn und Bürgersteig wurden zu durchgehenden Flächen. „Shared Space“ hieß das Projekt. Und siehe da: Die Verkehrsunfälle gingen auf NULL zurück, die Zeit zum Zurücklegen der Wegstrecke sank auf die Hälfte, obwohl sich die Geschwindigkeiten verlangsamten.

Fazit: Menschliche Urteilskraft genügt, um komplexe Situationen effektiv zu regulieren. Bevormundet man die Menschen z.B. durch Regeln, Vorschriften und Vorgaben, die von „Experten“ erstellt wurden, verhalten sich die Bevormundeten auch wie Entmündigte. Sie übernehmen keine Verantwortung, diese wird „durch Warnhinweise und Verhaltensaufforderungen ausgeschlossen.“ Dafür gibt es den Begriff „Zombifikation„.

Ich habe viel Sympathie für diese Haltung, allerdings zeigt das Beispiel auch das Problem der Übertragbarkeit. Die Verkehrsteilnehmer mögen zwar keine Experten in Sachen „Verkehrsplanung“ sein, aber sie kennen sich aus mit Auto-, Fahrrad- und Fußgänger-Verhalten. Sie beherrschen diese Fortbewegungsarten meist ziemlich gut. Im Unternehmensalltag bräuchte man Mitarbeiter, die über breites Wissen und Fähigkeiten verfügen und keine „dressierten Spezialisten“ sind, die sich nur auf einem Fachgebiet auskennen. Und sie müssten über alle notwendigen Informationen verfügen, damit das mit der Selbstregulierung funktioniert. Was in der Übergangszeit sicher ein Problem darstellt, das aber lösbar ist.

Eine weitere Frage, die sich wie immer bei solchen Beispielen stellt, ist, ob das mit der Selbstregulierung auch bei großen Organisationen funktioniert – das scheint beim Shared Space auch ein Problem zu sein.

Ansonsten sind meine Erfahrungen ähnlich: Wenn man Gruppen mit wenigen Spielregeln „machen lässt“, setzt sich in der Regel tatsächlich die menschliche Urteilskraft durch. Die Kunst ist weniger, Menschen dazu zu befähigen. Die Kunst ist, so viel Vertrauen in sie zu entwickeln und auszuhalten, wenn es nicht sofort funktioniert, dass sie diese Urteilskraft auch wirklich nutzen können. In vielen Workshops die ich gehalten habe oder Besprechungen die ich moderiert habe, habe ich mir zwischendurch das Urteil eines Experten gewünscht. Oder in denen ich dachte: „Was diskutieren die denn hier so lange, die Lösung liegt doch auf der Hand!?“

Um anschließend immer wieder davon überrascht zu werden, welche erstaunlichen und vor allem kreativen und praktischen Lösungen Gruppen entwickeln, wenn man ausreichend Geduld hat. Wobei diese Lösungen manchmal der entsprachen, die ich für die einzig mögliche gehalten hatte, aber oft genug auch völlig anders und viel praktikabler ausfiel.

 

Hilfe, Anregungen und Trainingsmöglichkeiten erhalten Sie unter www.michaeltiefel.com oder info@michaeltiefel.co