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Wenn es persönlich wird

…oder: Konflikte am Arbeitsplatz

Die Arbeitswelt von heute steckt voller Herausforderungen. Ständig müssen wir mehr mit weniger erreichen. Der Wettbewerb wird immer härter, die Erwartungen immer höher und der Zeitdruck immer größer. Hier entsteht Druck, der sich oft auch auf der persönlichen Ebene entlädt. Dann kann es passieren, dass Menschen ihre guten Umgangsformen vergessen, sich in ihr Schneckenhaus verkriechen oder mit Worten und schlimmstenfalls mit Fäusten aufeinander losgehen. Dutzende von Büchern und Webseiten versprechen „Lösungen“ für Konflikte am Arbeitsplatz.

Fast alle predigen dasselbe: Als Führungskraft sollten sie versuchen, die Streithähne zu trennen, zwischen ihnen vermitteln oder sie in ein Konflikt-Training zu schicken. Und wenn Sie selbst Teil des Konflikts sind, sollten Sie möglichst ruhig und sachlich bleiben.

Das alles ist nicht falsch. Aber es ändert nichts an den Ursachen des Konflikts, sondern bekämpft lediglich die Symptome.

Sie müssen an den Beziehungen arbeiten und nicht an den Symptomen der Konflikte. Dann kennen Sie nicht nur Ihren eigenen Wert, sondern auch den Ihres Gegenübers. Setzen Sie sich gemeinsam an einen ruhigen Ort und sahen Sie: „Ich sehe die Dinge anders. Und deshalb will ich wissen was Sie zu sagen haben.“ Und hören Sie dann wirklich zu. Vielleicht wird man Ihnen Dinge sagen, die Ihnen nicht gefallen. Dennoch: Erliegen Sie nicht der Versuchung, sich zu verteidigen. Die Chance dazu haben Sie später immer noch. Zunächst geht es ums Verstehen und nicht ums Kämpfen. Vermutlich werden Sie erkennen, dass unter der Oberfläche des Konflikts ein viel größeres Problem liegt: Der andere fürchtet um seine Identität, seine emotionale Sicherheit oder seine territoriale Zuständigkeit. Mitunder wird es Ihnen schwerfallen, Ihre eigene Gedankenwelt zu verlassen und sich ganz auf die Denkweise Ihres Gegenübers einzustellen. Den anderen zu verstehen, das ist meist der härtere Teil.

Wenn Sie diesen Test bestehen können Sie viel über sich selbst erfahren. Vielleicht werden Ihnen hier oder da die Augen geöffnet. Mit Sicherheit schärfen Sie Ihren Blick für Dinge, die bislang außerhalb Ihres Gesichtsfelds lagen.

Näheres erfahren Sie gerne unter info@michaeltiefel.com

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Wie wir Konflikte durch achtsames Verhalten auflösen können

Man leidet, wenn man nicht akzeptieren will, was man erlebt.

Warum Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten schnell eskalieren und wie man diese konstruktiv und ohne Verletzungen lösen kann, sogar dann, wenn man sich vom Partner angegriffen fühlt.

Von Buddha ist eine Geschichte überliefert, wonach wir im Leben immer wieder mit unvermeidlichem Schmerz konfrontiert werden, uns aber im Anschluss daran weiteren, vermeidbaren Schmerz selbst zufügen. Buddha verwendet hier die Metapher vom ersten und zweiten Pfeil: Verbrenne ich mich beispielsweise beim Kaffeekochen mit heißem Wasser, dann spüre ich einen unmittelbaren, heftigen Schmerz – das ist der erste Pfeil, der mich trifft. Dann aber schießen mir Gedanken durch den Kopf: „Verdammt, tut das weh!“ Das ist der zweite Pfeil, auf den weitere folgen: „Muss das gerade jetzt passieren! Wie kann ich nur so unachtsam sein? Ich habe mir doch neulich schon wehgetan, als ich mich mit dem Küchenmesser geschnitten habe!“ Gedanke reiht sich an Gedanke, ein Pfeil folgt dem nächsten. Worauf Buddha uns mit seinem Gleichnis hinweist:
Erst durch unsere emotionalen Reaktionen auf einen unvermeidlichen Schmerz sorgen wir dafür, dass der Schmerz so groß wird.
Vom ersten Pfeil werden wir getroffen, den zweiten und alle weiteren schießen wir selbst ab.
Gerade über die, die wir lieben, regen wir uns oft besonders schnell (und lange) auf. Menschen, die uns etwas bedeuten, geben wir oft viel zu viel Macht über uns. Vertritt etwa der geliebte Partner eine gegenteilige Ansicht, kann dies Enttäuschung in uns auslösen (1. Pfeil), sich aber auch wie eine existentielle Bedrohung anfühlen, als ob uns unser Partner für immer seine Zustimmung entzogen hätte (2. Pfeil). Macht unser Partner Vorwürfe, fühlen wir uns vielleicht emotional betroffen (1. Pfeil), erleben aber oft auch Schuldgefühle, wollen uns rechtfertigen oder es ihm „mit gleicher Münze heimzahlen“ (2. und 3. Pfeil). Auch hier bleiben wir nicht bei der unmittelbaren Erfahrung des ersten Schmerzes, sondern fügen weitere schmerzliche Gedanken und Reaktionen hinzu.

Noch problematischer wird es, wenn im Konfliktfall alte Verletzungen aus früheren Beziehungen „getriggert“ werden: Wenn ich mich zum Beispiel früher von meiner Partnerin falsch verstanden fühlte, wurde ein altes Leidensthema von mir reaktiviert: Schon von meiner Mutter fühlte ich mich als Kind häufig falsch verstanden; oft wurde ich zu unrecht bestraft. In einer vergleichbaren Situation mit meiner Partnerin wird nun der alte Schmerz meiner Kindheit unbewusst mit dem aktuellen Erleben verknüpft. Die Situation wird emotional aufgeladen, ganze Bündel von Pfeilen werden jetzt in Sekundenbruchteilen abgeschossen – das Schmerzgefühl wird unerträglich. Früher blieb mir in solchen Momenten nur die „klassischen“ Formen der Stressregulierung: Kampf (verbales Zurückschlagen), Flucht (feindseliges Mauern, Kontaktabbruch) oder Erstarrung (emotionales Erfrieren, Gleichgültigkeit).

Sobald die Erregung abgeklungen ist und wir wieder „bei uns“ sind, ist uns klar, dass diese Bewältigungsstrategien in die Sackgasse führen und eine Lösung des Konflikts verhindern. Im Gegenteil, wir haben uns gegenseitig neue Verletzungen zugefügt und uns unnötig geschwächt. Hätten wir doch die Pfeile im Köcher gelassen! Doch läuft all das so schnell und unbewusst ab, dass wir, solange wir nicht als Übende auf dem spirituellen Pfad unterwegs sind und mit Achtsamkeitsübungen unsere Selbstwahrnehmung erweitern, weder mitbekommen noch verstehen, was in uns und unserem Gegenüber abläuft.

Wie der Ausstieg aus der Eskalationsspirale gelingt
Befassen wir uns mit den Grundlagen der Achtsamkeitspraxis, so wird schnell klar, dass wir aus dem angelernten Täter-Opfer-Erleben („du bist Schuld an meinem Unglück!“) aussteigen und Verantwortung für unsere Gefühle, Gedanken und Reaktionen übernehmen müssen.
Wir selbst sind es, in denen unsere Gefühle und Gedanken entstehen – unser Partner ist vielleicht Auslöser, aber niemals Ursache für unser Erleben.
Wir selbst interpretieren jedes Vorkommnis auf unsere Weise und entscheiden mehr oder weniger unbewusst, ob es schmerzhaft ist oder nicht.

Wir selbst fügen einer schmerzhaften Situation weitere Schmerzen hinzu – Buddhas zweite und dritte Pfeile.
Wir selbst sind zuständig für die Art und Weise, wie wir auf eine schmerzhafte Situation reagieren – eine Verletzung kann nur da entstehen, wo es jemand gibt, der sie als solche erlebt.

Das bedeutet: Wenn ich eine Konfliktsituation nicht als „Problem“ erlebe, dann habe ich kein Problem. Wenn ich eine Meinungsverschiedenheit mit meiner Partnerin nicht als „bösartigen Streit“ wahrnehme, sondern als „spannende Auseinandersetzung“, dann kann sie mich emotional nicht in die Enge treiben.

Achtsamkeitspraxis
Wir wissen heute, dass eine regelmäßige Achtsamkeits-praxis nicht nur zu einer besseren Stressbewältigung führt, sondern den Umbau ganzer Gehirnareale sowie die Erweiterung elementarer Beziehungskompetenzen zur Folge hat. Wer regelmäßig meditiert, erfährt eine nachhaltige Stärkung seiner gesamten Persönlichkeit – er darf sich auf deutlich bessere Beziehungen freuen!

Dies ermöglicht uns auch, dass wir Konflikteskalationen schneller beenden können – oder sie gar nicht erst entstehen lassen. Wenn wir erkennen, was wirklich geschieht, können wir eher beim unmittelbaren Erleben bleiben. Dann erkennen wir auch eher unsere Neigung, auf das unmittelbare Erleben unsere eigenen, selbstgemachten Interpretationen und Bedeutungen draufzupacken – also 2. und 3. Pfeile abzufeuern. Anklagen, dramatisieren, verallgemeinern, leugnen, zynisch werden – alles „beliebte“ Beispiele dafür, wie wir mit Giftpfeilen auf uns und unsere Partner schießen.

Wenn wir in einem emotional aufgeladenen Moment innehalten und es schaffen, die Pfeile stecken zu lassen, können sich die segensreichen Auswirkungen der Achtsamkeitspraxis entfalten: Wir können weiter emotional offen sein und unserem Partner einfühlsam begegnen. Wir können die Folgen unseres Verhaltens einschätzen und die Gesamtsituation von einer höheren Perspektive aus überschauen. Wir sehen dann, dass wir unsere Beziehung in Gefahr bringen und uns beide schwächen würden, wenn wir weiter eskalieren. Wenn wir all das überblicken, können wir auch eher ein alternatives Verhalten ausprobieren. Zum Beispiel den Konflikt vertagen:
„Lass uns morgen darüber sprechen, wenn wir uns wieder beruhigt haben“.
Ja, wir können sogar den Entschluss fassen, dass wir für destruktive Streitigkeiten ein für allemal nicht mehr zur Verfügung stehen: „Ja, ich bin auch angespannt und wütend, aber ich werde mich nicht mit dir streiten. Ich werde unserer Beziehung zuliebe keine Feindseligkeiten zulassen, die uns beiden nur wehtun.“

Auch auf Negativität positiv reagieren
Seit ich mir diesen Grundsatz zu eigen gemacht habe und stets versuche, bei negativem Verhalten anderer einen positiven Gegenimpuls zu setzen (wenn mir dies nicht möglich ist, ziehe ich mich zurück), erlebe ich praktisch keine existentiellen Beziehungskonflikte mehr. Im Prinzip ist es ganz einfach: Entscheidet sich einer der Partner, aus der Eskalationsspirale auszusteigen und dem anderen keine weiteren Verletzungen zuzufügen, nimmt der andere dieses Verhalten früher oder später oft selbst an. Wer in einer emotional angespannten Konfliktsituation ruhig bleibt, ermöglicht auch anderen, ihre von Stresshormonen überfluteten Gehirne wieder „runterzufahren“.  Für das Gelingen einer Liebesbeziehung ist es viel wichtiger, einen möglichen Streit im Vorfeld abzufangen, als die verheerenden Folgen einer aus dem Ruder gelaufenen Eskalation wieder auszugleichen.

Sollten Sie demnächst wieder einmal in einer kritischen Situation sein, lassen Sie die Pfeile einfach stecken!