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Das steinzeitliche Gehirn macht Menschen zu Jammerlappen

Unser Gehirn hat sich seit der Steinzeit nur wenig weiterentwickelt und steht uns daher oft im Weg: Wir sind darauf spezialisiert, übervorsichtig und angepasst zu handeln. Doch so erreichen wir unsere Ziele nicht. Um Erfolg zu haben und glücklich zu sein, müssen wir den Autopiloten in unserem Gehirn ausschalten, lernen flexibler zu denken und anfangen, selbstbestimmt unsere eigenen Ziele zu stecken.

Es gibt sicherlich tausende Menschen in Mitteleuropa, die lieber eine Strandbar auf Bali eröffnen würden, als sich weiter jeden Tag an ihren langweiligen Arbeitsplatz zu schleppen. Und wie viele öffnen die Bar wirklich? Vermutlich entweder keiner oder höchstens einer pro Jahr. Dabei wären wahrscheinlich viele von ihnen hinter einem Tresen tatsächlich glücklicher. Doch weshalb dieses Zögern? Warum stehen sich so viele Leute selbst im Weg und haben unnötige Angst vor Veränderungen? 

Es liegt an den Steinen, die uns unser steinzeitliches Gehirn in den Weg legt und das immer auf die Eingrenzung von Lebensgefahren aus ist. Den Wenigsten gelingt es, sich über diesen inneren Angsthasen hinwegzusetzen und ihr sicheres Leben für einen Traum aufzugeben. 

Es gibt kein Patentrezept, das jeden Menschen glücklich macht.

Der Job macht Menschen unzufrieden: Klar, der Chef und die ganze Firma sind schuld. Privat sind die Leute unglücklich: Es liegt am Partner, der sie nicht so behandelt, wie sie es verdient hätten. Viele schieben die Verantwortung für das eigene Glück gern auf andere oder auf die äußeren Umstände. Andere holen sich Rat von Experten, und wenn es trotzdem nicht klappt mit Glück und Erfolg, dann ist eben der Experte schuld, der keine Ahnung hat.

Dabei gibt es für Glück kein Patentrezept – wir Menschen sind alle viel zu unterschiedlich. Viele Coaches und Berater werben damit, dass sie den einen universellen Weg gefunden haben, auf dem jeder Mensch erfolgreich und glücklich wird. Dabei übersehen sie aber zu oft, dass nicht alle über den gleichen Kamm geschoren werden können.

Im Fernsehen wurde vor einiger Zeit von einem Mann berichtet, der unglücklich in seinem Job war und zudem darunter litt, zu viel Gewicht und keine Freundin zu haben. Der Mann ließ sich von einer Lebensberaterin helfen, die selbst mit ihrem Gewicht kämpfte. Die Beraterin riet sofort: „Lassen sie uns zuerst mit dem Job anfangen, denn Abnehmen ist das schwierigste der drei Probleme, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.“

Hier hat die Expertin von sich auf andere geschlossen. Woher will sie wissen, dass bei dem Klienten nicht gerade das Abnehmen der erste Schritt sein sollte? Um glücklich zu werden, musst du deinen eigenen Weg finden und gehen. Daher wird auch kein Patentrezept präsentiert, sondern verschiedene Methoden vorgestellt, die einen neuen Blick auf deine individuellen Möglichkeiten eröffnen. Mit ihrer Hilfe kannst du dann selbst den Weg bestimmen, der dich ans Ziel führt. 

Doch schauen wir uns zunächst erst einmal an, was uns Menschen oftmals davon abhält, größere Ziele zu verwirklichen.

Das steinzeitliche Gehirn macht Menschen zu Jammerlappen.

Seit der Steinzeit hat sich unser Gehirn in einigen Aspekten nur noch wenig entwickelt. Laut wissenschaftlichen Studien nehmen wir unsere Außenwelt fast genauso wahr wie vor 20.000 Jahren. Leider sind wir damit eher schlecht an die moderne Welt angepasst. 

Unsere Vorfahren hatten bessere Überlebenschancen, wenn sie sich ihrer Gruppe anpassten und so vorsichtig wie möglich waren. Unser Gehirn stellt unsere Sicherheit leider noch immer über unsere abenteuerlichen Wünsche. Sobald es etwas Ungewöhnliches wie „eigene Strandbar“ oder „Bali“ hört, geht es los wie eine Alarmanlage: „Altersvorsorge! Moskitos und Alligatoren! Was wird deine Familie sagen? Du wirst deine Freunde vermissen!“

Dabei spielen besonders zwei mentale Altlasten eine entscheidende Rolle. Die erste ist der Herdentrieb. Für unsere Vorfahren war es extrem wichtig, nicht aus ihrer Gruppe verstoßen zu werden. Sie hätten allein in der Wildnis vermutlich keinen Tag überlebt. Unser Gehirn ist folglich darauf getrimmt, uns den anderen anzupassen, statt unsere eigenen Wege zu gehen.

Die andere mentale Altlast ist die Angst vor Veränderung: Für unsere Vorfahren war es sinnvoll, allem Neuen skeptisch gegenüberzustehen. Eine unbekannte Pflanze, eine dunkle Felsspalte oder ein fremdartiges Tier hätten ihren Tod bedeuten können. Daher war es für sie sicherer, sich einfach so zu verhalten wie immer und nichts Neues auszuprobieren. 

Dass diese Angst vor Veränderung immer noch tief in unserem Körper verankert ist, erkennst du vielleicht mit folgender Übung: Verschränke die Finger beider Hände einmal so, wie du es immer tust. Nun wiederhole dasselbe mit dem anderen Daumen obenauf. Wie fühlt sich das an? Vermutlich seltsam, unangenehm und falsch. Das ist dein Urzeit-Ich, das dich davor warnt, etwas anders zu machen, als du es gewohnt bist.

Diese beiden Denkmuster haben Menschen früher vor Gefahren bewahrt, heute sind sie jedoch oft unnütz und eher hinderlich. Sie sind sie wie ein kleiner Jammerlappen in unserem Kopf.

Sobald die Werbung verkündet, Bakterien im Müll seien gefährlich, lässt uns dieser Jammerlappen in den Supermarkt marschieren und – vollkommen überflüssige – antibakterielle Müllbeutel kaufen.

Doch je mehr Angst wir haben, desto kleiner wird unser Spielraum. Der Jammerlappen sitzt mitten in unserer Komfortzone und will nicht, dass wir sie verlassen. Je mehr Gewohnheiten wir folgen, desto kleiner wird diese Zone und wir fühlen uns eingesperrt. Veränderungen und Verbesserungen finden jedoch nur außerhalb dieser Zone statt. Um dich weiterzuentwickeln, musst du also deinen inneren Jammerlappen in die Schranken weisen.

Mithilfe der AUSGEJAMMERT!-Strategie kannst du dein volles Potenzial ausschöpfen. 

Um den inneren Jammerlappen zu überwinden, folge der AUSGEJAMMERT!-Strategie. Sie basiert auf den Studien und Erkenntnissen vieler erfahrener Evolutions- und Verhaltensforscher, Psychologen, Körpertherapeuten und anderer Wissenschaftler. Neben diesen Grundlagen sind auch die Erfahrungen des Autors Fischedick als Mentalcoach in die AUSGEJAMMERT!-Strategie mit eingeflossen. 

Sie besteht aus drei Phasen:

Phase eins: Du schaltest du deinen Automatikmodus ab. Phase zwei: Du trainierst deine Flexibilität. Phase drei: Du nutzt deinen neuen Spielraum. Für jede Phase stehen dir verschiedene Methoden und Tools zur Verfügung. Daraus kannst du diejenigen auswählen, die am besten zu dir passen. 

Viele der vorgestellten Methoden wirken einfach und unspektakulär. Da scheint es erstaunlich, dass sie so eine große Wirkung haben sollen. Doch oft ist es nur entscheidend, an der richtigen Stelle anzusetzen, um einen großen Mechanismus in Bewegung zu setzen.

Die AUSGEJAMMERT!-Strategie funktioniert im Übrigen nur, wenn du dich ganz auf sie einlässt. Du kannst dich jetzt und hier entscheiden, die volle Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Vielleicht erscheint dir die eine oder andere Methode suspekt. Auch hier hast du dann die Wahl zu entscheiden: Bist du bereit, etwas Neues auszuprobieren oder nicht? Doch wer nichts wagt, wird auch seine Ziele nicht erreichen. Bevor wir mit Phase eins beginnen, betrachten wir noch einmal, warum das menschliche Hirn den Autopiloten als so angenehm empfindet.

Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens mit Gewohnheiten, da diese Energie sparen.

Es erfordert viel Rechenleistung im Gehirn, um eine Sprache zu lernen, eine unbekannte Software zu bedienen oder eine neue Sportart auszuüben. Je mehr Erfahrungen wir im Laufe der Zeit über die Sprache oder Software sammeln, umso weniger Ressourcen sind zur Bewältigung derselben Aufgaben nötig. Einfachste Hirnstrukturen reichen dann aus, um komplexe Vorgänge zu steuern, ohne dass wir uns anstrengen oder bewusst nachdenken müssen.

„Super“, denkt sich das Gehirn, „dann kann ich ab jetzt Energie sparen“, und schaltet ab diesem Zeitpunkt auf Autopilot. Nun kommen Gewohnheiten ins Spiel. Je älter wir werden, desto mehr erledigen wir gewohnheitsmäßig: jeden Abend um 23:00 Uhr ins Bett, jeden Morgen ein Brötchen mit Marmelade und eine Schale Müsli zum Frühstück, immer dieselbe Art Romane als Urlaubslektüre. Gewohnheiten führen aber dazu, dass wir nicht mehr genau hinschauen. Das ist so, als würden wir fast den ganzen Tag mit offenen Augen schlafen. 

Für unseren Kopf ist das ein angenehmer Zustand, denn Gewohnheiten geben ihm Sicherheit. Auch bei Kindern geben Gewohnheiten bereits Ruhe und Stabilität, weshalb sie sich die gleiche Geschichte immer wieder wünschen. Ihr Gehirn legt dann eine kurze Ruhepause ein.

Andererseits hat der „Gewohnheitsschlaf“ auch Nachteile: Wir übersehen Chancen, die sich außerhalb unserer Komfortzone befinden, auch wenn sie direkt vor unserer Nase liegen. Außerdem denken wir im Autopiloten weniger über die Konsequenzen unseres Verhaltens nach.

Verallgemeinerungen und Vorurteile gehören ebenfalls zu den Tücken des Autopiloten. Wenn das Gehirn wenig Energie für komplizierte Analysen und Wertungen aufwenden will, kommen simplifizierte Deutungsmuster und Schubladendenken wie gerufen. 

Auch sie sind ein Überbleibsel unseres Steinzeithirns. Vor einigen Jahrtausenden war es sicher von Vorteil, schnell und ungenau statt langsam und genau zu reagieren. Und auch heute kann dieses Denkmuster in Notsituationen sinnvoll sein. Lieber einmal zu schnell vor einer vermeintlichen Gefahr weggerannt, als zu lange überlegt, ob die düstere Gestalt, die sich aus der dunklen Gasse nähert, wirklich gefährlich ist. Allerdings urteilen wir auch in vollkommen ungefährlichen Situationen zu schnell zu ungenau. Das führt unter anderem dazu, dass wir Menschen unbewusst wegen ihres Aussehens oder Andersseins diskriminieren.

Leider können wir nicht ganz verhindern, dass Menschen andere in Schubladen stecken. Aber wir können es uns regelmäßig bewusst machen und versuchen, die Menschen und Situationen um uns herum möglichst vorurteilsfrei zu betrachten. In einigen Firmen wird beispielsweise mittlerweile auf anonymisierte Bewerbungen zurückgegriffen, um Vorurteile einzuschränken und wirklich nur auf die Qualifikationen von Bewerbern zu achten. Im Folgenden stellen wir einige Übungen vor, mit denen du persönlich deinen Autopiloten ausschalten und dein komplettes Gehirn aktivieren kannst.

Schalte den Autopiloten aus und aktiviere das gesamte Gehirn.

Kommen wir nun zurück zu den drei Phasen der AUSGEJAMMERT!-Strategie, genau genommen zur Phase eins. Zum Glück bist du nicht zum ewigen Gewohnheitsschlaf verdammt, sondern kannst die Müdigkeit deines trägen Denkapparats abschütteln. Wenn du vor einer wichtigen Aufgabe stehst oder eine relevante Entscheidung treffen musst, verhelfen dir ein paar Tricks zu mehr Aktivität im Hirn. 

Alle Übungen funktionieren nach dem gleichen Prinzip: durch anspruchsvolle Körper- oder Augenbewegungen, durch die im Hirn Dopamin ausgeschüttet wird. Dieses Hormon führt dazu, dass dein gesamtes Gehirn aktiviert wird und deine Aufmerksamkeit steigt.

Fordere deine Koordination heraus. Du kannst beispielsweise einen Ball aus Papier formen, ihn von einer Hand in die andere werfen und dann allmählich den Schwierigkeitsgrad erhöhen, indem du den Abstand zwischen den Händen vergrößerst, die Augen schließt oder mit mehreren Bällen gleichzeitig jonglierst.

Da du gerade unter dem Einfluss von Stress oder Angst dazu neigst die sicherste, naheliegendste Möglichkeit zu wählen, braucht es zudem eine Übung, die diese starken urzeitlichen Emotionen in Schach hält.

Manchmal hilft es schon, einfach eine oder zwei Minuten lang zu lächeln. Denn durch deine Mimik kannst du bekanntlich deine Emotionen beeinflussen. Auch wenn du aufrecht gehst oder nach oben blickst, kannst du deine Stimmung heben. Bei der US-amerikanischen Telefonseelsorge wird den Anrufern als erste Notfall-Maßnahme die Anweisung gegeben, nach oben zur Decke zu schauen. Dauerhaft nutzbar wird dieser Trick, indem du den Computerbildschirm höher aufstellst. Dadurch sitzt du aufrecht und hebst den Blick leicht – und damit auch deine Stimmung.

Wenn du diffuse Sorgen aus der Welt schaffst, kannst du auch besser über deine Möglichkeiten nachdenken kannst, ohne dass deine Sicht vom Autopiloten eingegrenzt wird.

Flexibilität entscheidet heute oft über Erfolg oder Misserfolg und kann trainiert werden.

Sobald du deinen Autopiloten deaktiviert hast, geht es weiter mit Phase zwei, in der du Möglichkeiten und Chancen erkennst, die außerhalb deiner Komfortzone liegen. Das bedeutet, dass du flexibler werden musst.

Wenn du nichts unternimmst, verkleinert sich dein Handlungsspielraum immer weiter und du wirst eine grantige Person, die schimpft, dass früher alles besser war. Dabei ist es mit der Flexibilität wie mit den Muskeln: Wenn du sie eine Weile nicht trainierst, entwickelt sie sich schnell zurück und jede kleinste geistige Anstrengung oder Veränderung überfordert dich.

Außerdem bedeutet mangelnde Flexibilität oft das Aus, nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Unternehmen. Ein Beispiel dafür ist der Versandhändler Quelle, der nicht in der Lage war, auf die neue Konkurrenz aus dem Internet wie Amazon zu reagieren. In dem Versandhaus setzte man auch Anfang der 2000er-Jahre noch auf die Erfolgsrezepte aus den 1950ern. Und so verschickte Quelle weiter seine aufwendig produzierten Kataloge, bis der Geldtopf leer war. Amazon gewann derweil fleißig Marktanteile, indem das Unternehmen auf moderne und Online-Kataloge setzte, die je nach Trend flexible und schnell veränderbar war. 2009 ging Quelle pleite.

Mehr Flexibilität hingegen macht erfolgreicher. Um sie zu schulen, musst du dich aktiv mit neuen Dingen beschäftigen, auch wenn dein Jammerlappen dagegen protestiert. Wenn du stets die Abwechslung suchst, kannst du bis ins hohe Alter Neues lernen und so freier, selbstsicherer und glücklicher leben.

Verbessere deine mentale Flexibilität, indem du neue Dinge lernst und ausprobierst.

Es ist egal, ob du eine Fremdsprache, ein Musikinstrument oder eine neue Kultur kennenlernst. Jeder Lernvorgang hält dein Hirn fit und macht es flexibel. Das dürfte eine recht bekannte Möglichkeit sein, die geistige Flexibilität zu steigern. 

Du kannst aber auch bewusste Trainingseinheiten einlegen, die dein Gehirn mit neuen Situationen konfrontieren – auch wenn es sich im ganz kleinen Rahmen abspielt. Flexis sind kleine, einfache Übungen, die gezielt die Flexibilität trainieren. So gewöhnst du deinen Kopf daran, dass ungewohnte Situationen keine Gefahr bedeuten, sondern eine Chance sein können.

Versuche etwa folgende Miniübung: Trage ein paar Tage lang absichtlich zwei verschiedene Socken oder schlafe mit dem Kopf am Fußende des Bettes. Noch mehr Ideen gefällig? Lass jemand anderen das Essen im äthiopischen Restaurant für dich aussuchen oder lies eine Zeitschrift, deren Thema dich bisher noch nicht interessiert hat, wie etwa Güterzüge oder Handarbeit. So bekommt dein Gehirn neue Impulse.

Flexibilität kann aber auch darin bestehen, die Perspektive zu ändern. Denn es gibt nun einmal Situationen, an denen du nichts ändern kannst. Wenn dich die Grippe erwischt, kannst du mit Flexibilität auch nicht viel ausrichten, oder? Falsch! Denn du hast immer noch die Wahl, wie du die Situation wahrnimmst und was du aus ihr machst.

Versuche es mit Reframing. Das ist eine Technik, bei der du Umstände in einen anderen Rahmen setzt, um sie positiver zu bewerten. Stell dir in einer unangenehmen Situation folgende Fragen: Wie könnte diese Situation nützlich für mich sein? Was kann ich daraus lernen? Hat der andere vielleicht eine positive Absicht?

Wenn dir etwa dein Vorgesetzter eine Extra-Aufgabe aufbrummt, denkst du vermutlich zuerst: „Er hat mich auf dem Kieker und will mir das Leben schwer machen.“ Nach einem Reframing wird daraus vielleicht so etwas wie: „Er ist zufrieden mit meiner Arbeit und traut mir zu, eine neue Aufgabe erfolgreich zu lösen.“ Das Reframing bietet eine neue, nützliche und motivierende Sichtweise für denselben Sachverhalt. 

Auf deinem Weg zum Ziel wirst du auf inneren und äußeren Widerstand stoßen. 

Jetzt geht es darum, deine neu gewonnene Flexibilität einzusetzen, um deine Ziele zu erreichen. Das wird kein leichter Weg und du musst mit Widerstand rechnen. Garantiert wird sich dein innerer Jammerlappen regelmäßig zu Wort melden. 

Ein Hinweis darauf, dass er gerade das Ruder übernimmt, sind die M-Wörter: „man“ und „muss“. Diese beiden Wörter deuten an, dass du nicht die Verantwortung für das übernimmst, was du tust. Falls du sie gelegentlich verwendest, hinterfrage, was du damit genau meinst.

„Ich muss jetzt nach Hause“ deutet auf Fremdbestimmung hin und auf den Glauben, dein Leben nicht selbst in der Hand zu haben. Vermutlich fühlst du so ähnlich darüber, dass du am nächsten Morgen auf die Arbeit „musst“. Durch dieses Denken versetzt du dich in eine Opferrolle ohne Gestaltungsspielraum. Wenn du stattdessen sagst: „Ich gehe jetzt nach Hause, damit ich morgen fit für meinen Job bin“, stehst du zu deiner Entscheidung und gestaltest die Situation aktiv. 

Das unbestimmte Subjekt „man“ weist auf das automatisierte Denken deines inneren Jammerlappens hin, auf Vorurteile oder Schubladendenken, die sich in Allgemeinaussagen wie „Das macht man nicht“ äußern. 

Das sind innere Widerstände gegen deinen Wunsch, etwas zu verändern. Es gibt aber auch Hindernisse, die in deinem sozialen Umfeld entstehen. Der Partner, Freunde oder die Kinder – irgendjemand wird immer dagegen sein, dass du auswandern oder deinen Job kündigen willst, denn sie alle haben ihren eigenen Jammerlappen.

Ein Mitschüler des Autors wurde beispielsweise als Teenager Vegetarier. Die Mutter beschwerte sich daraufhin über den Mehraufwand beim Kochen, der Vater behauptete, der Sohn wolle sich nur in den Mittelpunkt stellen, und seine Mitschüler fanden es „uncool“, wenn er sich bei McDonald’s einen Salat bestellte. Obwohl er der Überzeugung war, dass er das Richtige tat, hielt er sein Vorhaben nicht lange durch.

Auf dem Weg zur Veränderung musst du also mit Widerstand aus deinem Umfeld rechnen – egal wie sinnvoll dir selbst die Änderung erscheint. Doch es rentiert sich, wenn du dich hier durchsetzt und deine eigenen Ziele verwirklichst. Also auf in die Phase drei.

Befreie dich aus der Fremdbestimmung und finde heraus, was deine eigenen Ziele sind.

Ein schönes Haus im Grünen, eine Familie und ein großes Auto: Das sind anerkannte und weit verbreitete Lebensziele. Aber was, wenn du dein eigenes U-Boot bauen möchtest? Dann eckst du mit diesem Ziel womöglich oft an, ganz gleich wie glücklich es dich macht. Egal. Es ist an der Zeit, dass du dich von den Lebensvorstellungen der anderen emanzipierst und deine eigenen Ziele findest.

Die australische Krankenschwester Bronnie Ware hat deutliche Beweise dafür geliefert, dass wir lieber unsere eigenen Ziele verfolgen sollten, selbst wenn sie nicht der Norm entsprechen. Auf der Palliativstation, auf der sie arbeitete, befragte sie todkranke Menschen in ihren letzten Lebenstagen, was sie am meisten bereuten. Die Antworten waren fast immer gleich: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.“

Doch wie entdeckt man denn nun, was man will? Häufig sind die eigenen Wünsche unter den ganzen Erwartungen der Gesellschaft vergraben.

Hierfür kannst du die Methode des „inneren Kompasses“ verwenden. Du ermittelst zunächst deine eigenen Werte. Schreibe alles auf, was dein Leben lebenswert macht, denn diese Dinge sind die Maßeinheit deines Kompasses. Du solltest eine möglichst umfangreiche Liste erstellen. Außerdem solltest du auch ein paar Freunde fragen, was sie denken, welche Werte deinen Charakter bestimmen. Anschließend kannst du aus dieser Liste die fünf wichtigsten Werte herausfiltern.

Danach definierst du, wo es hingehen soll. In einem Brainstorming schreibst du alle möglichen Ziele auf, die sich aus den Werten ergeben, egal wie unrealistisch sie sind. Nehmen wir an, dir ist Soziales und Bildung wichtig, dann wäre ein mögliches Ziel die Gründung einer Schule. Schließlich versuchst du, ein großes Ziel herauszufiltern und so genau wie möglich zu visualisieren. Vielleicht ist es auch eine Kombination aus mehreren Wünschen, die du im Brainstorming notiert hast.

Je genauer und detaillierter du das Bild werden lässt, indem du es etwa aus verschiedenen Perspektiven betrachtest, desto besser. Abschließend schreibst du dein großes Ziel möglichst präzise und mit vielen Details auf.

Jetzt weißt du, wohin es gehen soll – aber wo sollst du anfangen?

Das große Ziel erreichst du am besten über klar abgesteckte Etappenziele.

Um eine Brücke zu bauen, müssen zuerst Steinchen gelegt und dann Pfeiler aufgestellt werden. So ähnlich ist es mit deinem Ziel. Es mag dir vielleicht erst einmal unerreichbar vorkommen. Die Gründung einer Schule oder die berühmte Strandbar auf Bali sind so große Ziele, dass sie dein steinzeitliches Gehirn komplett überfordern. Aber wenn du sie in einzelne Meilensteine aufteilst und dich Schritt für Schritt vorarbeitest, gelangst du an dein Ziel. 

So hat es auch der französische Entertainer Michel Lotito gemacht, der einen sehr ungewöhnlichen Wunsch hegte: Er wollte gern eine Cessna verspeisen … ja richtig, ein Flugzeug. Das geht natürlich nicht, sagt der Jammerlappen. Monsieur Lotito hat es einfach trotzdem gemacht, indem er das Flugzeug in Einzelteile zersägte und jeden Tag ein paar von ihnen zu sich nahm. So hat er im Laufe der Zeit das komplette Flugzeug verspeist und sein großes Ziel erreicht.

Ein Etappenplan kann dir bei der Umsetzung deines Zieles helfen: Du teilst den Weg in viele kleine, überschaubare Schritte ein. Zusätzlich legst du eine Liste mit allen Ressourcen an, die dir bei der Realisierung helfen. Das kann Literatur zu dem Thema sein, Werkzeuge, Erfahrungen, Freunde etc. Das Ergebnis ist eine konkrete, zeitlich gestaffelte To-do-Liste mit realistischen Schritten und Hilfsmitteln, um die Aufgaben zu erledigen.

Dann fängst du einfach an. Am besten erzählst du möglichst vielen Menschen von deinem Plan und setzt anschließend den ersten Schritt um. Dein Gehirn ist so konstruiert, dass es begonnene Aufgaben unbedingt zu Ende führen will, und wird dir dabei helfen, das Projekt weiterzuverfolgen.

Es gibt übrigens noch einen Trick, mit dem du das eine oder andere Etappenziel überspringen kannst, um schneller ans Ziel zu kommen. Oft haben Menschen eine bestimmte Vorstellung, in welcher Reihenfolge Dinge passieren müssen: Wenn erst der Stress mit meinem Freund beseitigt ist, kann ich mich auch wieder besser auf den Job konzentrieren und mein Leben wieder richtig genießen.

Doch du drehst den Spieß einfach um: Vielleicht ist es der schnellere Weg, dich zunächst mehr auf den Job zu konzentrieren. Durch dieses Erfolgserlebnis gehst du viel entspannter auf deinen Freund zu und so löst sich der Knoten auf ganz andere Art.

Das kann auch mit deinen Etappenzielen funktionieren: Wenn du dich eine Weile so verhältst, als hättest du es schon erreicht, gibt dir das mehr Rückenwind auf der Wanderung zu deinem Ziel.

Unser Gehirn hat sich seit der Steinzeit nur wenig weiterentwickelt und steht uns daher oft im Weg: Wir sind darauf spezialisiert, übervorsichtig und angepasst zu handeln. Doch so erreichen wir unsere Ziele nicht. Um Erfolg zu haben und glücklich zu sein, müssen wir den Autopiloten in unserem Gehirn ausschalten, lernen flexibler zu denken und anfangen, selbstbestimmt unsere eigenen Ziele zu stecken.

Es gibt sicherlich tausende Menschen in Mitteleuropa, die lieber eine Strandbar auf Bali eröffnen würden, als sich weiter jeden Tag an ihren langweiligen Arbeitsplatz zu schleppen. Und wie viele öffnen die Bar wirklich? Vermutlich entweder keiner oder höchstens einer pro Jahr. Dabei wären wahrscheinlich viele von ihnen hinter einem Tresen tatsächlich glücklicher. Doch weshalb dieses Zögern? Warum stehen sich so viele Leute selbst im Weg und haben unnötige Angst vor Veränderungen? 

Es liegt an den Steinen, die uns unser steinzeitliches Gehirn in den Weg legt und das immer auf die Eingrenzung von Lebensgefahren aus ist. Den Wenigsten gelingt es, sich über diesen inneren Angsthasen hinwegzusetzen und ihr sicheres Leben für einen Traum aufzugeben. 

Es gibt kein Patentrezept, das jeden Menschen glücklich macht.

Der Job macht Menschen unzufrieden: Klar, der Chef und die ganze Firma sind schuld. Privat sind die Leute unglücklich: Es liegt am Partner, der sie nicht so behandelt, wie sie es verdient hätten. Viele schieben die Verantwortung für das eigene Glück gern auf andere oder auf die äußeren Umstände. Andere holen sich Rat von Experten, und wenn es trotzdem nicht klappt mit Glück und Erfolg, dann ist eben der Experte schuld, der keine Ahnung hat.

Dabei gibt es für Glück kein Patentrezept – wir Menschen sind alle viel zu unterschiedlich. Viele Coaches und Berater werben damit, dass sie den einen universellen Weg gefunden haben, auf dem jeder Mensch erfolgreich und glücklich wird. Dabei übersehen sie aber zu oft, dass nicht alle über den gleichen Kamm geschoren werden können.

Im Fernsehen wurde vor einiger Zeit von einem Mann berichtet, der unglücklich in seinem Job war und zudem darunter litt, zu viel Gewicht und keine Freundin zu haben. Der Mann ließ sich von einer Lebensberaterin helfen, die selbst mit ihrem Gewicht kämpfte. Die Beraterin riet sofort: „Lassen sie uns zuerst mit dem Job anfangen, denn Abnehmen ist das schwierigste der drei Probleme, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.“

Hier hat die Expertin von sich auf andere geschlossen. Woher will sie wissen, dass bei dem Klienten nicht gerade das Abnehmen der erste Schritt sein sollte? Um glücklich zu werden, musst du deinen eigenen Weg finden und gehen. Daher wird auch kein Patentrezept präsentiert, sondern verschiedene Methoden vorgestellt, die einen neuen Blick auf deine individuellen Möglichkeiten eröffnen. Mit ihrer Hilfe kannst du dann selbst den Weg bestimmen, der dich ans Ziel führt. 

Doch schauen wir uns zunächst erst einmal an, was uns Menschen oftmals davon abhält, größere Ziele zu verwirklichen.

Das steinzeitliche Gehirn macht Menschen zu Jammerlappen.

Seit der Steinzeit hat sich unser Gehirn in einigen Aspekten nur noch wenig entwickelt. Laut wissenschaftlichen Studien nehmen wir unsere Außenwelt fast genauso wahr wie vor 20.000 Jahren. Leider sind wir damit eher schlecht an die moderne Welt angepasst. 

Unsere Vorfahren hatten bessere Überlebenschancen, wenn sie sich ihrer Gruppe anpassten und so vorsichtig wie möglich waren. Unser Gehirn stellt unsere Sicherheit leider noch immer über unsere abenteuerlichen Wünsche. Sobald es etwas Ungewöhnliches wie „eigene Strandbar“ oder „Bali“ hört, geht es los wie eine Alarmanlage: „Altersvorsorge! Moskitos und Alligatoren! Was wird deine Familie sagen? Du wirst deine Freunde vermissen!“

Dabei spielen besonders zwei mentale Altlasten eine entscheidende Rolle. Die erste ist der Herdentrieb. Für unsere Vorfahren war es extrem wichtig, nicht aus ihrer Gruppe verstoßen zu werden. Sie hätten allein in der Wildnis vermutlich keinen Tag überlebt. Unser Gehirn ist folglich darauf getrimmt, uns den anderen anzupassen, statt unsere eigenen Wege zu gehen.

Die andere mentale Altlast ist die Angst vor Veränderung: Für unsere Vorfahren war es sinnvoll, allem Neuen skeptisch gegenüberzustehen. Eine unbekannte Pflanze, eine dunkle Felsspalte oder ein fremdartiges Tier hätten ihren Tod bedeuten können. Daher war es für sie sicherer, sich einfach so zu verhalten wie immer und nichts Neues auszuprobieren. 

Dass diese Angst vor Veränderung immer noch tief in unserem Körper verankert ist, erkennst du vielleicht mit folgender Übung: Verschränke die Finger beider Hände einmal so, wie du es immer tust. Nun wiederhole dasselbe mit dem anderen Daumen obenauf. Wie fühlt sich das an? Vermutlich seltsam, unangenehm und falsch. Das ist dein Urzeit-Ich, das dich davor warnt, etwas anders zu machen, als du es gewohnt bist.

Diese beiden Denkmuster haben Menschen früher vor Gefahren bewahrt, heute sind sie jedoch oft unnütz und eher hinderlich. Sie sind sie wie ein kleiner Jammerlappen in unserem Kopf.

Sobald die Werbung verkündet, Bakterien im Müll seien gefährlich, lässt uns dieser Jammerlappen in den Supermarkt marschieren und – vollkommen überflüssige – antibakterielle Müllbeutel kaufen.

Doch je mehr Angst wir haben, desto kleiner wird unser Spielraum. Der Jammerlappen sitzt mitten in unserer Komfortzone und will nicht, dass wir sie verlassen. Je mehr Gewohnheiten wir folgen, desto kleiner wird diese Zone und wir fühlen uns eingesperrt. Veränderungen und Verbesserungen finden jedoch nur außerhalb dieser Zone statt. Um dich weiterzuentwickeln, musst du also deinen inneren Jammerlappen in die Schranken weisen.

Mithilfe der AUSGEJAMMERT!-Strategie kannst du dein volles Potenzial ausschöpfen. 

Um den inneren Jammerlappen zu überwinden, folge der AUSGEJAMMERT!-Strategie. Sie basiert auf den Studien und Erkenntnissen vieler erfahrener Evolutions- und Verhaltensforscher, Psychologen, Körpertherapeuten und anderer Wissenschaftler. Neben diesen Grundlagen sind auch die Erfahrungen des Autors Fischedick als Mentalcoach in die AUSGEJAMMERT!-Strategie mit eingeflossen. 

Sie besteht aus drei Phasen:

Phase eins: Du schaltest du deinen Automatikmodus ab. Phase zwei: Du trainierst deine Flexibilität. Phase drei: Du nutzt deinen neuen Spielraum. Für jede Phase stehen dir verschiedene Methoden und Tools zur Verfügung. Daraus kannst du diejenigen auswählen, die am besten zu dir passen. 

Viele der vorgestellten Methoden wirken einfach und unspektakulär. Da scheint es erstaunlich, dass sie so eine große Wirkung haben sollen. Doch oft ist es nur entscheidend, an der richtigen Stelle anzusetzen, um einen großen Mechanismus in Bewegung zu setzen.

Die AUSGEJAMMERT!-Strategie funktioniert im Übrigen nur, wenn du dich ganz auf sie einlässt. Du kannst dich jetzt und hier entscheiden, die volle Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Vielleicht erscheint dir die eine oder andere Methode suspekt. Auch hier hast du dann die Wahl zu entscheiden: Bist du bereit, etwas Neues auszuprobieren oder nicht? Doch wer nichts wagt, wird auch seine Ziele nicht erreichen. Bevor wir mit Phase eins beginnen, betrachten wir noch einmal, warum das menschliche Hirn den Autopiloten als so angenehm empfindet.

Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens mit Gewohnheiten, da diese Energie sparen.

Es erfordert viel Rechenleistung im Gehirn, um eine Sprache zu lernen, eine unbekannte Software zu bedienen oder eine neue Sportart auszuüben. Je mehr Erfahrungen wir im Laufe der Zeit über die Sprache oder Software sammeln, umso weniger Ressourcen sind zur Bewältigung derselben Aufgaben nötig. Einfachste Hirnstrukturen reichen dann aus, um komplexe Vorgänge zu steuern, ohne dass wir uns anstrengen oder bewusst nachdenken müssen.

„Super“, denkt sich das Gehirn, „dann kann ich ab jetzt Energie sparen“, und schaltet ab diesem Zeitpunkt auf Autopilot. Nun kommen Gewohnheiten ins Spiel. Je älter wir werden, desto mehr erledigen wir gewohnheitsmäßig: jeden Abend um 23:00 Uhr ins Bett, jeden Morgen ein Brötchen mit Marmelade und eine Schale Müsli zum Frühstück, immer dieselbe Art Romane als Urlaubslektüre. Gewohnheiten führen aber dazu, dass wir nicht mehr genau hinschauen. Das ist so, als würden wir fast den ganzen Tag mit offenen Augen schlafen. 

Für unseren Kopf ist das ein angenehmer Zustand, denn Gewohnheiten geben ihm Sicherheit. Auch bei Kindern geben Gewohnheiten bereits Ruhe und Stabilität, weshalb sie sich die gleiche Geschichte immer wieder wünschen. Ihr Gehirn legt dann eine kurze Ruhepause ein.

Andererseits hat der „Gewohnheitsschlaf“ auch Nachteile: Wir übersehen Chancen, die sich außerhalb unserer Komfortzone befinden, auch wenn sie direkt vor unserer Nase liegen. Außerdem denken wir im Autopiloten weniger über die Konsequenzen unseres Verhaltens nach.

Verallgemeinerungen und Vorurteile gehören ebenfalls zu den Tücken des Autopiloten. Wenn das Gehirn wenig Energie für komplizierte Analysen und Wertungen aufwenden will, kommen simplifizierte Deutungsmuster und Schubladendenken wie gerufen. 

Auch sie sind ein Überbleibsel unseres Steinzeithirns. Vor einigen Jahrtausenden war es sicher von Vorteil, schnell und ungenau statt langsam und genau zu reagieren. Und auch heute kann dieses Denkmuster in Notsituationen sinnvoll sein. Lieber einmal zu schnell vor einer vermeintlichen Gefahr weggerannt, als zu lange überlegt, ob die düstere Gestalt, die sich aus der dunklen Gasse nähert, wirklich gefährlich ist. Allerdings urteilen wir auch in vollkommen ungefährlichen Situationen zu schnell zu ungenau. Das führt unter anderem dazu, dass wir Menschen unbewusst wegen ihres Aussehens oder Andersseins diskriminieren.

Leider können wir nicht ganz verhindern, dass Menschen andere in Schubladen stecken. Aber wir können es uns regelmäßig bewusst machen und versuchen, die Menschen und Situationen um uns herum möglichst vorurteilsfrei zu betrachten. In einigen Firmen wird beispielsweise mittlerweile auf anonymisierte Bewerbungen zurückgegriffen, um Vorurteile einzuschränken und wirklich nur auf die Qualifikationen von Bewerbern zu achten. Im Folgenden stellen wir einige Übungen vor, mit denen du persönlich deinen Autopiloten ausschalten und dein komplettes Gehirn aktivieren kannst.

Schalte den Autopiloten aus und aktiviere das gesamte Gehirn.

Kommen wir nun zurück zu den drei Phasen der AUSGEJAMMERT!-Strategie, genau genommen zur Phase eins. Zum Glück bist du nicht zum ewigen Gewohnheitsschlaf verdammt, sondern kannst die Müdigkeit deines trägen Denkapparats abschütteln. Wenn du vor einer wichtigen Aufgabe stehst oder eine relevante Entscheidung treffen musst, verhelfen dir ein paar Tricks zu mehr Aktivität im Hirn. 

Alle Übungen funktionieren nach dem gleichen Prinzip: durch anspruchsvolle Körper- oder Augenbewegungen, durch die im Hirn Dopamin ausgeschüttet wird. Dieses Hormon führt dazu, dass dein gesamtes Gehirn aktiviert wird und deine Aufmerksamkeit steigt.

Fordere deine Koordination heraus. Du kannst beispielsweise einen Ball aus Papier formen, ihn von einer Hand in die andere werfen und dann allmählich den Schwierigkeitsgrad erhöhen, indem du den Abstand zwischen den Händen vergrößerst, die Augen schließt oder mit mehreren Bällen gleichzeitig jonglierst.

Da du gerade unter dem Einfluss von Stress oder Angst dazu neigst die sicherste, naheliegendste Möglichkeit zu wählen, braucht es zudem eine Übung, die diese starken urzeitlichen Emotionen in Schach hält.

Manchmal hilft es schon, einfach eine oder zwei Minuten lang zu lächeln. Denn durch deine Mimik kannst du bekanntlich deine Emotionen beeinflussen. Auch wenn du aufrecht gehst oder nach oben blickst, kannst du deine Stimmung heben. Bei der US-amerikanischen Telefonseelsorge wird den Anrufern als erste Notfall-Maßnahme die Anweisung gegeben, nach oben zur Decke zu schauen. Dauerhaft nutzbar wird dieser Trick, indem du den Computerbildschirm höher aufstellst. Dadurch sitzt du aufrecht und hebst den Blick leicht – und damit auch deine Stimmung.

Wenn du diffuse Sorgen aus der Welt schaffst, kannst du auch besser über deine Möglichkeiten nachdenken kannst, ohne dass deine Sicht vom Autopiloten eingegrenzt wird.

Flexibilität entscheidet heute oft über Erfolg oder Misserfolg und kann trainiert werden.

Sobald du deinen Autopiloten deaktiviert hast, geht es weiter mit Phase zwei, in der du Möglichkeiten und Chancen erkennst, die außerhalb deiner Komfortzone liegen. Das bedeutet, dass du flexibler werden musst.

Wenn du nichts unternimmst, verkleinert sich dein Handlungsspielraum immer weiter und du wirst eine grantige Person, die schimpft, dass früher alles besser war. Dabei ist es mit der Flexibilität wie mit den Muskeln: Wenn du sie eine Weile nicht trainierst, entwickelt sie sich schnell zurück und jede kleinste geistige Anstrengung oder Veränderung überfordert dich.

Außerdem bedeutet mangelnde Flexibilität oft das Aus, nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Unternehmen. Ein Beispiel dafür ist der Versandhändler Quelle, der nicht in der Lage war, auf die neue Konkurrenz aus dem Internet wie Amazon zu reagieren. In dem Versandhaus setzte man auch Anfang der 2000er-Jahre noch auf die Erfolgsrezepte aus den 1950ern. Und so verschickte Quelle weiter seine aufwendig produzierten Kataloge, bis der Geldtopf leer war. Amazon gewann derweil fleißig Marktanteile, indem das Unternehmen auf moderne und Online-Kataloge setzte, die je nach Trend flexible und schnell veränderbar war. 2009 ging Quelle pleite.

Mehr Flexibilität hingegen macht erfolgreicher. Um sie zu schulen, musst du dich aktiv mit neuen Dingen beschäftigen, auch wenn dein Jammerlappen dagegen protestiert. Wenn du stets die Abwechslung suchst, kannst du bis ins hohe Alter Neues lernen und so freier, selbstsicherer und glücklicher leben.

Verbessere deine mentale Flexibilität, indem du neue Dinge lernst und ausprobierst.

Es ist egal, ob du eine Fremdsprache, ein Musikinstrument oder eine neue Kultur kennenlernst. Jeder Lernvorgang hält dein Hirn fit und macht es flexibel. Das dürfte eine recht bekannte Möglichkeit sein, die geistige Flexibilität zu steigern. 

Du kannst aber auch bewusste Trainingseinheiten einlegen, die dein Gehirn mit neuen Situationen konfrontieren – auch wenn es sich im ganz kleinen Rahmen abspielt. Flexis sind kleine, einfache Übungen, die gezielt die Flexibilität trainieren. So gewöhnst du deinen Kopf daran, dass ungewohnte Situationen keine Gefahr bedeuten, sondern eine Chance sein können.

Versuche etwa folgende Miniübung: Trage ein paar Tage lang absichtlich zwei verschiedene Socken oder schlafe mit dem Kopf am Fußende des Bettes. Noch mehr Ideen gefällig? Lass jemand anderen das Essen im äthiopischen Restaurant für dich aussuchen oder lies eine Zeitschrift, deren Thema dich bisher noch nicht interessiert hat, wie etwa Güterzüge oder Handarbeit. So bekommt dein Gehirn neue Impulse.

Flexibilität kann aber auch darin bestehen, die Perspektive zu ändern. Denn es gibt nun einmal Situationen, an denen du nichts ändern kannst. Wenn dich die Grippe erwischt, kannst du mit Flexibilität auch nicht viel ausrichten, oder? Falsch! Denn du hast immer noch die Wahl, wie du die Situation wahrnimmst und was du aus ihr machst.

Versuche es mit Reframing. Das ist eine Technik, bei der du Umstände in einen anderen Rahmen setzt, um sie positiver zu bewerten. Stell dir in einer unangenehmen Situation folgende Fragen: Wie könnte diese Situation nützlich für mich sein? Was kann ich daraus lernen? Hat der andere vielleicht eine positive Absicht?

Wenn dir etwa dein Vorgesetzter eine Extra-Aufgabe aufbrummt, denkst du vermutlich zuerst: „Er hat mich auf dem Kieker und will mir das Leben schwer machen.“ Nach einem Reframing wird daraus vielleicht so etwas wie: „Er ist zufrieden mit meiner Arbeit und traut mir zu, eine neue Aufgabe erfolgreich zu lösen.“ Das Reframing bietet eine neue, nützliche und motivierende Sichtweise für denselben Sachverhalt. 

Auf deinem Weg zum Ziel wirst du auf inneren und äußeren Widerstand stoßen. 

Jetzt geht es darum, deine neu gewonnene Flexibilität einzusetzen, um deine Ziele zu erreichen. Das wird kein leichter Weg und du musst mit Widerstand rechnen. Garantiert wird sich dein innerer Jammerlappen regelmäßig zu Wort melden. 

Ein Hinweis darauf, dass er gerade das Ruder übernimmt, sind die M-Wörter: „man“ und „muss“. Diese beiden Wörter deuten an, dass du nicht die Verantwortung für das übernimmst, was du tust. Falls du sie gelegentlich verwendest, hinterfrage, was du damit genau meinst.

„Ich muss jetzt nach Hause“ deutet auf Fremdbestimmung hin und auf den Glauben, dein Leben nicht selbst in der Hand zu haben. Vermutlich fühlst du so ähnlich darüber, dass du am nächsten Morgen auf die Arbeit „musst“. Durch dieses Denken versetzt du dich in eine Opferrolle ohne Gestaltungsspielraum. Wenn du stattdessen sagst: „Ich gehe jetzt nach Hause, damit ich morgen fit für meinen Job bin“, stehst du zu deiner Entscheidung und gestaltest die Situation aktiv. 

Das unbestimmte Subjekt „man“ weist auf das automatisierte Denken deines inneren Jammerlappens hin, auf Vorurteile oder Schubladendenken, die sich in Allgemeinaussagen wie „Das macht man nicht“ äußern. 

Das sind innere Widerstände gegen deinen Wunsch, etwas zu verändern. Es gibt aber auch Hindernisse, die in deinem sozialen Umfeld entstehen. Der Partner, Freunde oder die Kinder – irgendjemand wird immer dagegen sein, dass du auswandern oder deinen Job kündigen willst, denn sie alle haben ihren eigenen Jammerlappen.

Ein Mitschüler des Autors wurde beispielsweise als Teenager Vegetarier. Die Mutter beschwerte sich daraufhin über den Mehraufwand beim Kochen, der Vater behauptete, der Sohn wolle sich nur in den Mittelpunkt stellen, und seine Mitschüler fanden es „uncool“, wenn er sich bei McDonald’s einen Salat bestellte. Obwohl er der Überzeugung war, dass er das Richtige tat, hielt er sein Vorhaben nicht lange durch.

Auf dem Weg zur Veränderung musst du also mit Widerstand aus deinem Umfeld rechnen – egal wie sinnvoll dir selbst die Änderung erscheint. Doch es rentiert sich, wenn du dich hier durchsetzt und deine eigenen Ziele verwirklichst. Also auf in die Phase drei.

Befreie dich aus der Fremdbestimmung und finde heraus, was deine eigenen Ziele sind.

Ein schönes Haus im Grünen, eine Familie und ein großes Auto: Das sind anerkannte und weit verbreitete Lebensziele. Aber was, wenn du dein eigenes U-Boot bauen möchtest? Dann eckst du mit diesem Ziel womöglich oft an, ganz gleich wie glücklich es dich macht. Egal. Es ist an der Zeit, dass du dich von den Lebensvorstellungen der anderen emanzipierst und deine eigenen Ziele findest.

Die australische Krankenschwester Bronnie Ware hat deutliche Beweise dafür geliefert, dass wir lieber unsere eigenen Ziele verfolgen sollten, selbst wenn sie nicht der Norm entsprechen. Auf der Palliativstation, auf der sie arbeitete, befragte sie todkranke Menschen in ihren letzten Lebenstagen, was sie am meisten bereuten. Die Antworten waren fast immer gleich: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.“

Doch wie entdeckt man denn nun, was man will? Häufig sind die eigenen Wünsche unter den ganzen Erwartungen der Gesellschaft vergraben.

Hierfür kannst du die Methode des „inneren Kompasses“ verwenden. Du ermittelst zunächst deine eigenen Werte. Schreibe alles auf, was dein Leben lebenswert macht, denn diese Dinge sind die Maßeinheit deines Kompasses. Du solltest eine möglichst umfangreiche Liste erstellen. Außerdem solltest du auch ein paar Freunde fragen, was sie denken, welche Werte deinen Charakter bestimmen. Anschließend kannst du aus dieser Liste die fünf wichtigsten Werte herausfiltern.

Danach definierst du, wo es hingehen soll. In einem Brainstorming schreibst du alle möglichen Ziele auf, die sich aus den Werten ergeben, egal wie unrealistisch sie sind. Nehmen wir an, dir ist Soziales und Bildung wichtig, dann wäre ein mögliches Ziel die Gründung einer Schule. Schließlich versuchst du, ein großes Ziel herauszufiltern und so genau wie möglich zu visualisieren. Vielleicht ist es auch eine Kombination aus mehreren Wünschen, die du im Brainstorming notiert hast.

Je genauer und detaillierter du das Bild werden lässt, indem du es etwa aus verschiedenen Perspektiven betrachtest, desto besser. Abschließend schreibst du dein großes Ziel möglichst präzise und mit vielen Details auf.

Jetzt weißt du, wohin es gehen soll – aber wo sollst du anfangen?

Das große Ziel erreichst du am besten über klar abgesteckte Etappenziele.

Um eine Brücke zu bauen, müssen zuerst Steinchen gelegt und dann Pfeiler aufgestellt werden. So ähnlich ist es mit deinem Ziel. Es mag dir vielleicht erst einmal unerreichbar vorkommen. Die Gründung einer Schule oder die berühmte Strandbar auf Bali sind so große Ziele, dass sie dein steinzeitliches Gehirn komplett überfordern. Aber wenn du sie in einzelne Meilensteine aufteilst und dich Schritt für Schritt vorarbeitest, gelangst du an dein Ziel. 

So hat es auch der französische Entertainer Michel Lotito gemacht, der einen sehr ungewöhnlichen Wunsch hegte: Er wollte gern eine Cessna verspeisen … ja richtig, ein Flugzeug. Das geht natürlich nicht, sagt der Jammerlappen. Monsieur Lotito hat es einfach trotzdem gemacht, indem er das Flugzeug in Einzelteile zersägte und jeden Tag ein paar von ihnen zu sich nahm. So hat er im Laufe der Zeit das komplette Flugzeug verspeist und sein großes Ziel erreicht.

Ein Etappenplan kann dir bei der Umsetzung deines Zieles helfen: Du teilst den Weg in viele kleine, überschaubare Schritte ein. Zusätzlich legst du eine Liste mit allen Ressourcen an, die dir bei der Realisierung helfen. Das kann Literatur zu dem Thema sein, Werkzeuge, Erfahrungen, Freunde etc. Das Ergebnis ist eine konkrete, zeitlich gestaffelte To-do-Liste mit realistischen Schritten und Hilfsmitteln, um die Aufgaben zu erledigen.

Dann fängst du einfach an. Am besten erzählst du möglichst vielen Menschen von deinem Plan und setzt anschließend den ersten Schritt um. Dein Gehirn ist so konstruiert, dass es begonnene Aufgaben unbedingt zu Ende führen will, und wird dir dabei helfen, das Projekt weiterzuverfolgen.

Es gibt übrigens noch einen Trick, mit dem du das eine oder andere Etappenziel überspringen kannst, um schneller ans Ziel zu kommen. Oft haben Menschen eine bestimmte Vorstellung, in welcher Reihenfolge Dinge passieren müssen: Wenn erst der Stress mit meinem Freund beseitigt ist, kann ich mich auch wieder besser auf den Job konzentrieren und mein Leben wieder richtig genießen.

Doch du drehst den Spieß einfach um: Vielleicht ist es der schnellere Weg, dich zunächst mehr auf den Job zu konzentrieren. Durch dieses Erfolgserlebnis gehst du viel entspannter auf deinen Freund zu und so löst sich der Knoten auf ganz andere Art.

Das kann auch mit deinen Etappenzielen funktionieren: Wenn du dich eine Weile so verhältst, als hättest du es schon erreicht, gibt dir das mehr Rückenwind auf der Wanderung zu deinem Ziel.