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Der Pechvogel und die Mutlose

Wir alle kennen wahrscheinlich mindestens einen ewigen Pechvogel. Wenn er bei einem Test schlecht abschneidet, lag es an der lauten Umgebung, in der er sich kaum konzentrieren konnte. Seine Beziehungen scheitern, weil er schlicht noch nicht die richtige Person gefunden hat. Und auf der Arbeit wurde er nur deshalb nicht befördert, weil die Chefin und der Kollege sich von früher kennen.

Pechvögel besitzen Hirngespenster, die ihnen einflüstern, dass sie vom Unglück verfolgt werden und anderen der Erfolg in den Schoß fällt. Ihr Pech wird zum roten Faden, der sich durch ihr Leben zieht und alle Niederlagen erklären kann.

Dabei dient das Hirngespenst in erster Linie der eigenen Beruhigung. Dank ihm können wir unangenehme Wahrheiten einfach ausblenden. Wer durch die Fahrprüfung gefallen ist, weil die Prüferin einen schlechten Tag hatte, erspart sich das unangenehme Eingeständnis, vielleicht einfach nicht genug geübt zu haben. So bleibt das eigene Selbstbild intakt und wir müssen uns niemals ändern.

Ein Aspekt, der dazu beiträgt, ist der Mythos vom anstrengungslosen Erfolg. In den sozialen Netzwerken sehen wir ständig Posts erfolgreicher Menschen. Sie präsentieren uns ihre fertige Traumfigur, ihre perfekte Familie oder ihre beneidenswerte Karriere. Was sie uns nicht zeigen, ist, wie hart sie dafür arbeiten mussten. Der Erfolg scheint für sie ohne große Anstrengung und Rückschläge möglich zu sein. Und bietet so die perfekte Ausrede für alle, die es nicht schaffen.

Andere Menschen fühlen sich zwar nicht vom Pech verfolgt, sind aber der Meinung, sie wären nie gut genug. Nennen wir sie die Mutlosen. Wer von solchen Hirngespenstern heimgesucht wird, hat typischerweise Einstellungen wie „Da habe ich doch keine Chance“ oder „Lieber nichts riskieren. Was ich jetzt habe, habe ich sicher.“

Wer diesen Glaubenssätzen verfallen ist, hat meist kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das mutlose Hirngespenst hält uns daher davon ab, unsere Komfortzone zu verlassen, und möchte stattdessen den Status quo erhalten. Es stellt sich uns warnend in den Weg, wenn wir beispielsweise ein potenzielles Date ansprechen oder uns um eine bessere Stelle bewerben wollen.

Während Pechvogel-Hirngespenster also alle Niederlagen auf fehlendes Glück schieben, lassen uns Glaubenssätze der Mutlosigkeit vor Herausforderungen zurückschrecken.

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Buchwissen ist das Fundament unserer Bildung, aber…

…vergessen wir nicht, dass es sich nur um das Fundament handelt. Ein gebildeter und erfolgreicher Mensch ist jemand, der seinen Geist durch eine Kombination von Wissen und Umsetzung dieses Wissens so erweitert hat, dass er alle Umstände zu seinem Vorteil beeinflussen kann. Es geht also dabei um Theorie und Praxis, aber hauptsächlich Praxis.

Man kann jedes Buch über Technik lernen, das je geschrieben wurde, und trotzdem wäre man nicht in der Lage, eine Brücke zu entwerfen, bis man zum Theoriewissen noch praktische Erfahrung gesammelt hätte. Natürlich könnte man eine Brücke nur auf Basis der Theorie bauen, aber ob sie dem Gewicht standhielt, ist unklar. Praxiserfahrene Ingenieure wissen genau, wie viel Gewicht eine Brücke zu tragen imstande ist, und sie wissen, wie man den Bau einer solchen stabilen Brücke überwacht.

Auch beim Verkauf gilt, wie beim Brückenbau und jedem anderen Bereich, das gleiche Prinzip, Theorie und Praxis zu kombinieren. Es ist ein grundlegendes Prinzip und daher ein wichtiger Teil des strukturierten Denkens Man wird kein guter Anwalt, Zahnarzt oder Arzt, nur weil man einen Berufsabschluss erwirbt. Man wird gut, indem man die im Studium erlernten Theorien praktisch anwendet, daran führt kein Weg vorbei. Keine Ausbildung kann mit der guten alten Universität der praktischen Erfahrung mithalten. Abschreiben ist hier unmöglich. Entweder schafft man den Abschluss selbstständig oder überhaupt nicht. Schummeln geht nicht! Und der Lehrer ist man selbst. An der Universität der praktischen Erfahrung steht man vor einem Tresen voller deutlich gekennzeichneter Ware und ist Verkäufer und Käufer zugleich. Die ausgewählte Ware bezahlt man mit dem Preis, mit dem sie das Leben versehen hat.

Deshalb ist es auch immer von Nöten, sich einen Lehrer, Trainer oder Coach mit dem nötigen praktischen Wissen zu suchen um von diesem zu lernen und zu wachsen.

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Die positive Kraft des negativen Denkens – 8/8

Denkt man über die Folgen von Emotionen, Stress, Persönlichkeit und Beziehungen auf unseren Körper nach, entsteht schnell das Gefühl, an seiner Erkrankung selbst schuld zu sein.

Diese Denkweise ist jedoch falsch. Stattdessen sollte man die wertvollen Erkenntnisse über Krankheitsursachen als Chance sehen, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Denn je mehr du über dich selbst lernst, desto aktiver kannst du deiner Krankheit gegenübertreten. Und je mehr Kontrolle du über deinen Körper und Geist erlangst, desto größer sind deine Chancen, deine Erkrankung zu überwinden.

Viele Palliativpatienten verstehen nicht, warum ausgerechnet sie an Krebs erkrankt waren. Ein Mann beklagte sich, dass er doch immer Optimist gewesen sei – und sich nie einem negativen Gedanken hingegeben hatte. Wenn unsere Psyche unseren Körper beeinflusst, wie konnte er an so etwas Bösartigem wie Krebs erkranken?

Nun, ganz so einfach ist es nicht. Positive Emotionen steigern zwar unser Wohlbefinden, doch zwanghaft positives Denken kann sich als schädlicher Bewältigungsmechanismus entpuppen. Wenn wir Schlechtes permanent ignorieren und negative Emotionen komplett verdrängen, erhöhen wir in Wahrheit unseren Stresspegel und sind anfälliger für stressbedingte Krankheiten.

Stattdessen kann es manchmal besser sein, sich auf negative Gedanken einzulassen. Das heißt nicht, das Leben als halb leeres Glas zu betrachten. Es bedeutet lediglich, auch die schlechten Seiten unserer Realität zu akzeptieren und anzunehmen. Denn nur so können wir einen Weg finden, sie zu verbessern.

Auch die Forschung bestätigt die positive Kraft des negativen Denkens. Eine amerikanische Studie fand heraus, dass ein hohes Maß an Verleugnung bei Melanompatienten häufiger zu Rückfällen und Tod führte. Im Gegensatz dazu ermittelte eine andere Studie, dass Melanompatienten, die sich schlecht mit ihrer Krankheit abfinden konnten und nur schwer mit ihrer Diagnose zurechtkamen, tatsächlich seltener einen Rückfall erlitten.

Es sollte also nicht überraschen, dass auch psychologische Hilfe während der Krebstherapie einen großen Unterschied machen kann. Eine Studie der UCLA beobachtete 34 Personen mit einem Melanom im Stadium I. Die Hälfte der Teilnehmer bildeten eine Kontrollgruppe, die andere Hälfte nahm innerhalb von sechs Wochen an sechs Gruppentherapiesitzungen teil. Sechs Jahre später waren zehn Mitglieder der Kontrollgruppe gestorben, und bei dreien kehrte der Krebs zurück. Im Gegensatz dazu waren lediglich drei Mitglieder der Therapiegruppe gestorben – und nur vier rückfällig geworden.

Was das für uns bedeutet? Um Stress gesund zu verarbeiten, können wir psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und die Macht des negativen Denkens nutzen.

Wenn Menschen krank werden, reagieren viele mit Verleugnung oder Verharmlosung. Aber das ist genau das Gegenteil von dem, was unser Körper in solchen Zeiten braucht. Stattdessen müssen wir an unserer Krankheit wachsen – und beginnen, die Ursachen für unseren Stress zu verstehen. Denn nur so können wir Körper und Geist heilsam in Einklang bringen.

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Die Eltern-Kind-Bindung bestimmt unser Leben – 7/8

Das menschliche Gehirn durchläuft eine einzigartige Entwicklung. Wenn ein Neugeborenes den Mutterleib verlässt, ist sein Gehirn ziemlich klein und unreif. Doch dann wächst es enorm schnell. 90 Prozent der Gehirnentwicklung erfolgen nämlich erst nach der Geburt. Und allein in den ersten Monaten bildet das Gehirn Millionen von neuen Verbindungen.

Man kann sich also leicht vorstellen, dass unsere Erfahrungen in dieser Entwicklungsphase stark bestimmen, wie wir die Welt verstehen. Ein gewisses Maß an genetischem Potenzial wird zwar vererbt. Doch damit es sich entfalten kann, muss man es nähren – und zwar mit Interaktionen, die unsere Nervenzellen stimulieren und uns beibringen, wie wir uns in der Welt verhalten sollen.

Die wichtigsten dieser frühen emotionalen Interaktionen sind jene zwischen Kind und Eltern. Sie beeinflussen das kindliche Weltverständnis maßgeblich. So lernt bereits ein Baby, ob es in einer Welt der Vernachlässigung und Gleichgültigkeit lebt – oder in einer Welt der Liebe und Akzeptanz.

Auch körperliche Berührungen sind im Kleinkindalter für eine gesunde Entwicklung extrem wichtig. Sie fördern sowohl körperliches Wachstum als auch die geistige Entwicklung. Aber Berührung allein ist nicht genug. Genauso entscheidend ist die Qualität der Einstimmung – also wie sehr die Eltern auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes eingestimmt sind: Eltern, die nicht gut darin sind, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen, animieren es beispielsweise zum Spielen, wenn es eigentlich Ruhe braucht – oder umgekehrt.

Ein Mangel an Einfühlsamkeit und körperlicher Berührung vonseiten der Eltern kann im gesamten Leben eines Kindes nachhallen. Das zeigt auch der berühmte entwicklungspsychologische „Fremde-Situations-Test“ von Mary Ainsworth.

Dabei beobachteten Forscher in den Siebzigerjahren ein Jahr lang die Interaktionen zwischen Kleinkindern und ihren Müttern zu Hause. Danach lud man die Mutter-Kind-Paare in ein Labor ein. Dort verbrachten die Kleinkinder zunächst drei Minuten nur mit der Mutter, daraufhin drei Minuten mit dieser und einer fremden Person, dann die gleiche Zeit nur mit der fremden Person und schließlich alleine.

Die Ergebnisse des Experiments waren aufschlussreich. Kleinkinder, die zu Hause einfühlsame Aufmerksamkeit erhielten, schienen ihre Mutter zwar zu vermissen, wenn diese den Raum verließ – beruhigten sich aber schnell, sobald sie zurückkehrte. Diese Kinder hatten einen sicheren Bindungsstil. Andere hingegen zeigten verschiedene unsichere Stile. Kinder mit vermeidendem Bindungsstil verzweifelten zum Beispiel überhaupt nicht, wenn sie von ihren Müttern getrennt waren – schienen aber deutlich gestresst, wenn sie wieder zurückkehrten.

Wir lernen also schon durch sehr frühe Interaktionen mit unseren Eltern, die Welt auf eine bestimmte Weise zu interpretieren und uns entsprechend zu verhalten.

Und diese frühe Prägung hat weitreichende Folgen. So sind Kleinkinder mit einem sicheren Bindungsstil später als Jugendliche emotional reifer, sozialer und besser in der Schule als Gleichaltrige mit unsicherem Bindungsstil. Unsere ersten Lebensjahre bestimmen also, wie wir uns als Erwachsene in der Welt bewegen – auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

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Krankheit – eine Frage des Charakters? – 6/8

Auf dem neunten Internationalen ALS-Symposium im Jahr 1998 hielten zwei Neurologen einen Vortrag mit dem Titel Warum sind Patienten mit ALS so nett? ALS – oder Amyotrophe Lateralsklerose – ist eine Erkrankung des Nervensystems, die zu fortschreitender Lähmung führt. Und den beiden Neurologen war Folgendes aufgefallen: In medizinischen Berichten zu Tests auf ALS fand sich oft die Bemerkung, dass ein Patient „nicht nett genug“ sei, um ALS zu haben.

Fast immer stellten sich solche Vorhersagen als richtig heraus. Und obwohl Nettigkeit kein besonders wissenschaftliches Maß ist, wird sie inzwischen als eine wichtige Komponente der ALS-Persönlichkeit erachtet.

Viele Menschen mit ALS berichten von Kindheiten, die von emotionaler Kälte oder Verlust geprägt sind. Im Erwachsenenalter führen solche Vorgeschichten häufig zu einem Muster aus emotionaler Unterdrückung und extremem Pflichtbewusstsein, das andere Menschen oft als unfehlbare Nettigkeit erleben.

Lou Gehrig, der berühmte Baseballspieler der New York Yankees, ist ein anschauliches Beispiel für die ALS-Persönlichkeit. Gehrig hatte eine schwere Kindheit. All seine jüngeren Geschwister starben innerhalb eines Jahres nach der Geburt, und sein Vater litt an Alkoholismus und Epilepsie.

Schon lange bevor er mit ALS diagnostiziert wurde, zeichnete sich Gehrig durch extreme Nettigkeit aus. Einmal nahm er einen kranken Baseball-Kollegen bei sich zu Hause auf, damit Gehrigs Mutter ihn gesund pflegen konnte. Gehrig schlief auf der Couch und überließ dem Mannschaftskameraden sein Bett. Sich selbst behandelte Gehrig allerdings nie so nett. Er trug den Spitznamen The Iron Horse, also „das eiserne Pferd“, weil er auch bei Krankheit oder Verletzung weiterspielte – selbst mit gebrochenen Fingern.

ALS-Patienten sind aber nicht die einzigen Erkrankten, die bestimmte Persönlichkeitsmerkmale teilen. Auch bei Menschen mit Krebs zeichnet sich ein gewisses Charakterbild ab.

Das wurde in einer Studie aus dem Jahr 1984 deutlich, die die Stressreaktionen von gesunden Menschen mit jenen von Krebs- und Herzkranken verglich. Die Teilnehmenden wurden mit Aussagen wie „Du bist hässlich!“ oder „Das ist alles deine Schuld!“ konfrontiert. Und bei allen ähnelte sich die körperliche Stressreaktion.

Doch Menschen mit Krebs leugneten ihre emotionale Reaktion auf die Botschaften viel häufiger als Gesunde und Herzkranke. Diese Reaktionen deuteten auf ein Muster der emotionalen Verdrängung bei Krebskranken hin. Viele von ihnen sind darum bemüht, stets eine starke Fassade aufrechtzuerhalten.

Manche Krankheiten gehen also häufig mit bestimmten Charaktermerkmalen einher.

Trotz dieser Verbindung ist es wichtig, festzuhalten, dass kein Charakterzug ALS, Krebs oder andere Erkrankungen verursachen kann. Aber bestimmte Muster aus Emotionen und Verhalten machen uns in Kombination mit genetischer Veranlagung für bestimmte Krankheiten anfälliger.

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Stress schlägt auf den Magen – 5/8

„Hör einfach auf dein Bauchgefühl!“, ist ein weitverbreiteter und ziemlich vernünftiger Ratschlag. Denn unser Gehirn und unser Darm stehen tatsächlich in ständiger Kommunikation.

So ist das Gehirn dafür verantwortlich, die verschiedenen Reize, die auf unsere Sinnesorgane einwirken, in den emotionalen Zentren unseres Gehirns zu interpretieren. Dann leitet es diese Informationen direkt an den Darm weiter. Dort führen die folgenden physiologischen Vorgänge zu jenen „Bauchgefühlen“, die wir bewusst wahrnehmen. Und diese beeinflussen wiederum die Interpretation des Gehirns.

Was aber passiert, wenn wir zu viele traumatische oder stressige Situationen erleben, die mit extremen Darmreaktionen verbunden sind? Der Kommunikationskanal zwischen Gehirn und Darm wird übersensibilisiert. Die Nervenverbindungen werden durch immer schwächere Reize aktiviert. Deshalb reagieren übersensibilisierte Personen körperlich heftiger auf emotional belastende Situationen als andere.

Das lässt sich auch bei Menschen mit Reizdarmsyndrom (IBS) beobachten. Dieses gilt als funktionelle Störung – das heißt, dass es zwar die Körperfunktionen beeinträchtigt, man die Symptome aber nicht durch eine Infektion oder eine ähnliche Krankheit erklären kann.

Patienten mit IBS und anderen funktionellen Störungen sind häufiger Opfer von sexuellem und körperlichem Missbrauch als der Rest der Bevölkerung. Eine solche extreme psychische Belastung könnte das Nervensystem überempfindlich gemacht haben.

Um das genauer zu untersuchen, dehnte man in einer Studie den Dickdarm der Teilnehmer, indem man eine Art Ballon in ihm aufblies. Menschen, die unter funktionellen Störungen litten, reagierten überempfindlich darauf und hatten deutlich mehr Schmerzen als die Kontrollgruppe.

Aber ein erhöhtes Schmerzlevel war nicht das Einzige, was jene Probanden mit Funktionsstörungen auszeichnete. Gehirnscans zeigten, dass ihr präfrontaler Kortex während des Experiments aktiviert war. Bei den gesunden Teilnehmern war das nicht der Fall. Das zeigt, dass die Gehirne von Menschen mit funktionellen Störungen physiologische Reize als extremer interpretieren.

Denn der präfrontale Kortex ist der Teil unseres Gehirns, der emotionale Erinnerungen speichert. Er hilft uns, gegenwärtige Reize im Lichte vergangener Erfahrungen zu interpretieren. Wenn dieser Teil des Gehirns aktiv ist, bedeutet das, dass etwas von emotionaler Bedeutung passiert. Die Aktivierung ist keine bewusste Entscheidung – sie ist lediglich das Ergebnis von bereits geknüpften Nervenverbindungen.

Das heißt also, dass traumatische Ereignisse in der Vergangenheit dazu führen können, dass wir physiologische Schmerzen in der Gegenwart extremer wahrnehmen.

Wenn emotionale Belastungen die Hauptursache für funktionelle Störungen wie IBS sind, könnte es also sinnvoll sein, sie durch psychologische Interventionen zu behandeln. Tatsächlich hat das nachweisliche Effekte. In einer Studie zeigte sich, dass die Beschwerden von IBS-Patienten bereits nach einer kurzen Reihe von Gruppentherapiesitzungen zu gesunden Verhaltensbewältigungsstrategien deutlich zurückgingen. Nicht nur das – der Effekt war selbst zwei Jahre später noch bemerkbar.

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Erlernte Hilflosigkeit, erworbene Krankheit – 4/8

Es ist schwer zu glauben, dass sich jemand angesichts einer Krise aktiv dazu entscheiden würde, nichts zu tun. Aber tatsächlich ist erlernte Hilflosigkeit eine häufig eingesetzte Bewältigungsstrategie.

Menschen mit erlernter Hilflosigkeit lassen belastende Lebensumstände tatenlos über sich ergehen – egal ob dysfunktionale Beziehung oder erdrückender Job. Und selbst wenn sie die Möglichkeit hätten, sich ganz einfach aus der Situation zu befreien, bleiben sie hilflos. Dieser ungesunde Bewältigungsmechanismus führt mit der Zeit unweigerlich zu einem erhöhten Stresslevel.

Bei Natalie, einer Klientin, entstand eine erlernte Hilflosigkeit, um verschiedene Stressfaktoren in ihrem Leben zu bewältigen. Doch 2016 stieg ihre Belastung auf ein extrem hohes Niveau: Im März entließ man ihren 16-jährigen Sohn aus der Drogenentzugsanstalt, im Juli wurde ihr Mann Jörg wegen eines bösartigen Tumors operiert – später stellte sich heraus, dass der Krebs bereits Jörgs Leber angegriffen hatte.

Währenddessen litt Natalie unter Anfällen von Müdigkeit, Schwindelgefühl und Ohrensausen. Allerdings zeigte eine CT-Untersuchung keine Anomalien. Erst ein MRT ergab die Diagnose Multiple Sklerose. MS ist eine Krankheit, die die Funktion der Zellen im zentralen Nervensystem beeinträchtigt.

Doch ihre Ursachen sind ein Rätsel. Ein erhöhtes Risiko für die Krankheit kann zwar vererbt werden, nicht aber die Krankheit selbst. Selbst Menschen, die alle Risiko-Gene besitzen, erkranken am Ende oft nicht an MS. Experten gehen deshalb davon aus, dass der Ausbruch der Krankheit durch Umweltfaktoren ausgelöst wird – zum Beispiel durch Stress.

Tatsächlich haben Studien ergeben, dass bei 85 Prozent der MS-Patienten die ersten Symptome infolge eines stark belastenden Ereignisses auftraten. Außerdem ist das Risiko, dass sich die Symptome verschlimmern, fast vierfach erhöht für MS-Patienten, die unter Belastungen wie Beziehungsproblemen oder finanzieller Unsicherheit leiden.

Das Problem sind aber nicht die stressigen Ereignisse selbst, sondern die erlernte Hilflosigkeit angesichts dieser Umstände. So kümmerte sich Natalie um ihren krebskranken Mann – obwohl er eine Affäre hatte, stark trank und sie regelmäßig in der Öffentlichkeit blamierte. Ihre erlernte Hilflosigkeit nutzte Natalie, um mit den Verfehlungen ihres Mannes umzugehen, doch der emotionale Druck trug zweifellos zur Entwicklung ihrer MS bei.

Das Fazit? Umweltfaktoren wie Stress und ungesunde Bewältigungsstrategien angesichts solcher Belastungen können zum Ausbruch von Krankheiten beitragen.

Ihr Bewältigungsmechanismus half Natalie zwar, belastende Ereignisse nicht mehr bewusst als stressig wahrzunehmen. Doch der Stress wurde lediglich an eine andere Stelle verlagert – in ihren Körper.

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Wenn sich der Körper selbst angreift – 3/8

In diesem Beitrag lernen wir eine junge Frau namens Lara kennen. Sie verbrachte ihre Kindheit im ständigen Konflikt mit ihrem älteren Bruder, den sie als Lieblingskind des Vaters wahrnahm.

Lara war immer das brave kleine Mädchen gewesen. Und auch als Erwachsene arbeitete sie hart daran, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Eines Jahres, am jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana, half Lara ihrer Mutter, das Abendessen für die Familie vorzubereiten – mit dem Plan, sich vor dem gemeinsamen Mahl zu verabschieden.

Obwohl sie die ganze Arbeit übernommen hatte, erlaubte sie sich nicht, an dem Essen teilzunehmen – weil sie wusste, dass ihr Bruder sie nicht dabeihaben wollte.

Doch bevor sie verschwinden konnte, bekam Lara extreme Schmerzen im Bein. Sie litt schon länger an rheumatoider Arthritis, doch normalerweise konnte sie die Schmerzen unterdrücken. Diesmal aber musste sie vor Schmerz schreien und landete am Ende in der Notaufnahme. Es war eindeutig der Stress des geschwisterlichen Konflikts, der ihre Krankheit hatte aufflackern lassen.

Ein gesundes Immunsystem beruht auf einem sensiblen Balanceakt. Denn ist die Immunabwehr zu lange zu aktiv, schädigt sie am Ende genau das Gewebe, das sie eigentlich schützen soll. Mitunter führt das dazu, dass sogar Autoimmunkrankheiten, wie rheumatoide Arthritis, auftreten. Bei solchen Erkrankungen greift das Immunsystem den eigenen Körper an und beeinträchtigt dabei Gelenke, Bindegewebe oder Organe.

Autoimmunkrankheiten beruhen auf einer Vielzahl von Faktoren. Aber Betroffene haben oft eines gemeinsam: Ihnen fällt es schwer, Grenzen zu ziehen. Viele Autoimmunerkrankte zählen zu den Menschen, die zwischen Selbst und Nicht-Selbst schwer unterscheiden können – und die Bedürfnisse anderer ständig über die eigenen stellen. Doch der Stress ihrer emotionalen Unterdrückung schlägt sich in ihrem Immunsystem nieder: Dieses weiß nicht mehr, welche Zellen es angreifen und welche es schützen soll.

Um das zu veranschaulichen, betrachten wir eine Studie von einer Autorengruppe um M. W. Stewart aus dem Jahr 1965. Diese untersuchte gesunde Verwandte von Frauen mit rheumatoider Arthritis. 14 von 36 Studienteilnehmerinnen testeten positiv auf einen Antikörper namens Rheumafaktor oder RF (Rheumatoid Factor) – ein erstes Anzeichen für die Krankheit. Und diese 14 Probandinnen erzielten auch signifikant erhöhte Werte in psychologischen Tests, die unterdrückte Wut und Sorge um soziale Akzeptanz messen sollten. Zwar waren sie noch nicht mit Arthritis diagnostiziert, doch die emotionale Unterdrückung und der daraus resultierende Stress hatten bereits eine Immunreaktivität in ihrem Körper ausgelöst.

Stress kann also die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen begünstigen, bei denen der Körper sich selbst angreift.

Hätte sich der Stress dieser Frauen weiter verschlimmert, wäre eine Diagnose der rheumatoiden Arthritis im späteren Leben gut möglich gewesen.

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Wie unser Körper auf Stress reagiert – 2/8

Jeder Mensch erlebt Stress anders. Ein Ereignis, das den einen fast in den Wahnsinn treibt, lässt die andere völlig kalt.

Woran das liegt? Nun, das Verarbeitungssystem, das Stressoren interpretiert, funktioniert bei jedem anders. Es besteht zwar bei allen Menschen aus Gehirn und Nervensystem, doch was wir als Stressor wahrnehmen, hängt stark von unseren persönlichen Lebensumständen ab. Wer beispielsweise von einem Gehalt zum nächsten leben muss, für den ist ein Jobverlust viel stressiger als für eine Managerin mit dickem Sparkonto.

Doch letztlich beruhen alle Formen von Stress auf demselben Gefühl: nämlich dass etwas, das wir für überlebenswichtig halten, in Gefahr ist.

Stress kann in vielen Teilen des Körpers spürbar werden. In erster Linie betrifft er aber drei Systeme: das Hormonsystem, das Immunsystem und das Verdauungssystem.

Wenn du zum ersten Mal eine Bedrohung wahrnimmst, schüttet dein Hypothalamus – ein Teil des Stammhirns – ein Hormon namens CRH aus. Dieses Hormon wandert zur Hypophyse, einer Hirndrüse an der Schädelbasis, die wiederum ein anderes Hormon namens ACTH freisetzt.

Das Blut transportiert ACTH zu den Nebennieren, die sich im Fettgewebe über den Nieren befinden. Die Nebennieren schütten dann Cortisol aus. Und Cortisol wirkt auf fast alle Gewebe und Organe im Körper: Es unterdrückt das Immunsystem, leitet das Blut von den Organen zu den Muskeln um und lässt das Herz schneller schlagen. Das alles passiert, um den Fokus auf die aktuelle Bedrohung zu ermöglichen – sodass du besser auf die Gefahr reagieren kannst.

Cortisol hilft uns also, akute, kurzfristige Bedrohungen zu überleben. Doch was geschieht, wenn die Bedrohung über lange Zeit anhält und der Stress chronisch wird? Dann beginnt der erhöhte Cortisolspiegel, unserem Körper zu schaden. Er zerstört Gewebe, erhöht den Blutdruck – und schädigt das Herz.

Nehmen wir eine Studie als Beispiel, die sich mit den Auswirkungen von chronischem Stress auf die Aktivität von natürlichen Killerzellen beschäftigte. NK-Zellen sind eine Art von Immunzellen, die bösartige Zellen – wie etwa Krebs – zerstören. Die Studie untersuchte chronisch gestresste Pflegekräfte, die sich um Alzheimer-Patienten kümmerten. Dabei zeigte sich, dass die Funktion der NK-Zellen bei ihnen deutlich unterdrückt war. Und nicht nur das: Beim gestressten Pflegepersonal dauerte die Wundheilung durchschnittlich neun Tage länger als bei der Kontrollgruppe. Sie reagierten auch schlechter auf eine Grippeimpfung.

Stress ist also eine natürliche Reaktion auf eine Bedrohung, die sich auf all unsere Körpersysteme, auch auf unsere Immunabwehr, auswirkt.

Und je länger Stress andauert, desto mehr schaden diese Auswirkungen unserem Körper.

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Tief verbunden: Leib und Seele – 1/8

Herzkrankheiten zählen zu den häufigsten Erkrankungen auf der Welt. Warum ist das so?

Die meisten Menschen meinen, dass sich die vielen Herzleiden in unserer Gesellschaft auf einen hohen Blutdruck, erhöhtes Cholesterin oder Rauchen zurückführen lassen. Und es stimmt, dass diese Dinge zu Herzerkrankungen beitragen. Aber das größte Risiko ist eine hohe berufliche Belastung – sie macht mehr aus als alle anderen Faktoren zusammen. Und arbeitsbedingter Stress ist gleich mehrfach schädlich: Er ist nämlich auch hauptverantwortlich für hohen Blutdruck und einen erhöhten Cholesterinspiegel.

Jahrhundertelang galt in der westlichen Medizin die Theorie des Geist-Körper-Dualismus. Sie besagt, dass die inneren Abläufe unserer Psyche nichts mit unserem restlichen Körper zu tun haben. Dieser Dualismus ist schuld daran, dass Ärzte bis heute Kopf und Körper getrennt untersuchen und dabei die tiefe Verbindung zwischen Körper und Geist ignorieren.

Bis heute ist diese Auffassung weitverbreitet – allerdings gibt es mittlerweile eindeutige Beweise dafür, dass sie als medizinisches Erklärungsmodell notdürftig ist. Hier kommt ein neues Gebiet der Medizin ins Spiel: die Psychoneuroimmunologie. Sie untersucht genau jene Prozesse, durch die mentale Vorgänge unseren Organismus beeinflussen.

Inzwischen belegen unzählige Studien, wie sich unsere täglichen Erfahrungen und Belastungen auf unser Immunsystem auswirken. So fand man heraus, dass der Stress einer bevorstehenden Abschlussprüfung das Immunsystem von Medizinstudenten schwächte. Und je einsamer die Studenten waren, desto mehr beeinträchtigte der Prüfungsstress ihre Immunabwehr.

Wie das funktioniert? Nun, alles beginnt mit emotionalen Reizen. Emotionen lassen sich als elektrische, chemische und hormonelle Entladungen unseres Nervensystems verstehen. Diese wirken auf die Funktion unserer Hauptorgane und unseres Immunsystems ein und werden wiederum selbst von diesen beeinflusst. Stress wirkt sich besonders schädlich auf unser Immunsystem aus. Das hat enorme Folgen für unseren gesamten Körper, denn Stress kann sogar chronische Krankheiten verursachen.

Eine Frau zum Beispiel lidt an Sklerodermie – einer Autoimmunerkrankung, bei der Haut, Speiseröhre, Herz, Lunge und andere Gewebe verhärten.

Eines Tages offenbarte sie ihrem Coach ihre tragische Lebensgeschichte. Sie war als Kind missbraucht worden und hatte ihre Schwestern ständig vor den Pflegeeltern beschützen müssen. Im Erwachsenenalter übernahm sie zwanghaft die Verantwortung für andere, anstatt sich um sich selbst zu kümmern – selbst als sich ihre Sklerodermie verschlimmerte.

Zunächst einmal kannst du dir also merken, dass das Feld der Psychoneuroimmunologie die Verbindungen zwischen körperlicher und geistiger Gesundheit analysiert.

Eine Psychoneuroimmunologin würde untersuchen, inwiefern Marys permanente emotionale Verdrängung ihrer eigenen Bedürfnisse die körpereigene Immunabwehr geschädigt und so für die Folgen ihrer Sklerodermie anfälliger gemacht hat.