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Warum wird fast jede zweite Ehe geschieden…?

Viele Menschen werfen fast beiläufig das wertvollste in ihrem Leben weg – ihre Familie, Frauen und Männer, die sich einst leidenschaftlich liebten, gehen getrennte Wege. Deutschland hat mit ca. 40 Prozent aller Erst-Ehen mit die höchste Scheidungsrate europäischer Länder.

Allein in Deutschland wächst das Heer der „Scheidungskinder“ jährlich um mehrere Hunderttausend. Studien zeigen, dass Scheidungskinder oft verhaltensauffällig werden, unter psychischen Störungen leiden, im Beruf weniger erfolgreich sind und mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben.

Oft geht einer Scheidung ein echter Vertrauensbruch voraus – Misshandlung oder Untreue. Doch häufig ist sie auch der Endpunkt einer negativen Spirale.

Eine Frau könnte sagen: „Mein Mann verbringt viel Zeit mit Sportsendungen, Videospielen und Fußball. Wenn er nach Hause kommt, denkt er, für Kinder und Haushalt sei ich allein zuständig. Ihm ist gar nicht klar, dass auch ich den ganzen Zag gearbeitet habe. Er ist genau wie sein Vater. Längst hat er aufgehört, jener kleinen Dinge zu tun, mit denen er einst mein Herz erobert hat. Er unterstützt mich nicht und interessiert sich nicht, wie mein Tag war. Alles, was er jetzt noch von mir will, ist Sex. Und dann wundert er sich, wenn ich mich immer weiter von ihm entferne.“

Ein Mann könnte sagen: „Meine Frau interessiert sich nur für mein Geld. Sie merkt gar nicht, was ich alles leiste. Sie ist beschäftigt mit den Kindern, dass sie keine Zeit mehr für mich hat. Während zu Hause alles im Chaos versinkt, trifft sie sich einfach mit ihren Freundinnen. Was auch immer ich tue ist falsch. Meine Frau ist kalt. Sie begrüßt mich nicht mehr mit derselben Herzlichkeit wie zu Beginn unserer Ehe, wenn ich nach Hause komme. Eigentlich ist es ihr völlig egal, ob ich da bin oder nicht. Ich wünschte, ihre Mutter würde sich nicht dauernd einmischen. Meine Frau sieht nicht mehr so gut aus und pflegt sich nicht mehr so wie früher – die Kolleginnen im Büro werden von Tag zu Tag verführerischer.“

Bei einer solchen Einstellung schlägt jede Liebe früher oder später in Verachtung um. Manche Ehen mutieren zu bissigen Debattierclubs. Die Familienangehörigen teilen sich am Ende in die „gute“ und die „böse“ Partei. Jeder kämpft gegen die anderen. Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als „Splitting“. So wird aus einem sicheren und liebevollen Zuhause, das alle Kinder brauchen und verdienen, am Ende ein Schlachtfeld.

In manchen Familien kommt es auch zu verdeckten Formen des emotionalen Missbrauchs. Hier wird ständig gestritten und kritisiert, um dem anderen den Tag gründlich zu vermiesen:

  • „Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du endlich mal die Garage sauber machen.“
  • „Ich schufte den ganzen Tag – und welchen Dank bekomme ich dafür?“
  • „Es sind auch deine Kinder, damit du das weißt.“

Allmählich, fast unmerklich, wachsen Mauern, bis schließlich das große Schweigen hereinbricht. „Wenn du etwas in diesem Leben zerstören willst, dann musst du es nur mit dicken Mauern umschließen.“  – Elif Shafak

Häufig gibt es in Situationen (emotionale Misshandlung, Macht- und Kontrollfanatismus…) gute Gründe, einen Schlussstrich unter eine Ehe zu ziehen. Aber noch viel öfter wäre ein Scheitern vermeidbar, wenn die Partner anders mit ihren Unterschieden umgehen würden.

Bei den meisten Scheidungen wird als Grund „unüberbrückbare Differenzen“ genannt. Hinter den unterschiedlichsten finanziellen, emotionalen, gesellschaftlichen oder sexuellen Problemen verbirgt fast immer die Unfähigkeit, mit Unterschieden konstruktiv umzugehen und sie als Gewinn statt als Belastung wahrzunehmen:

  • „Ein wirklich offenes Gespräch zwischen uns findet niemals statt.“
  • „Ich verstehe ihre Denkweise nicht.“
  • „Er ist vollkommen irrational.“

Mit der Zeit macht sich Verzweiflung breit. Am Ende erscheint die Scheidung als einziger Ausweg. Gute Ehen dagegen zeichnen sich dadurch aus, dass beide Partner eine positive Einstellung zu ihren Unterschieden haben. Für sie werden die Eigenheiten, Schrullen und Macken, Begabungen oder Stärken des anderen zu Quellen der Freude und Kreativität. Seine Ungeduld macht ihn zu einem schlechten Buchhalter, aber seine Spontaneität sorgt für viel Fröhlichkeit. Ihre Unordentlichkeit frustriert ihn, aber ihr charmantes Auftreten bezaubert ihn. Und weil sich beide gern haben, bilden Spaß und Respekt im Umgang miteinander für sie eine Einheit.

Wenn zwei Menschen eine Partnerschaft eingehen, haben sie die Möglichkeit, eine einzigartige Familienkultur zu schaffen, wie sie niemals zuvor existierte und wie es sie niemals danach wieder geben wird. Neben seinen angeborenen individuellen Eigenheiten bringt jeder Partner eine Vielzahl sozialer und kultureller Prägungen in Form von Überzeugungen, Normen, Werten oder Traditionen in die Beziehung ein.

Mensch heiraten nicht, um sich zu bekriegen oder gegenseitig Schmerz zuzufügen. Dennoch zerbricht jede dritte Ehe an dem Unvermögen, eine weiteren Alternative zu schaffen, die über den unterschiedlichen Kulturen, Werten, Überzeugungen und Erwartungen steht und sie in sich vereint.

 

Sie wollen mehr darüber erfahren oder Hilfe? Dann melden Sie sich unter info@michaeltiefel.com

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Wie wir Konflikte durch achtsames Verhalten auflösen können

Man leidet, wenn man nicht akzeptieren will, was man erlebt.

Warum Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten schnell eskalieren und wie man diese konstruktiv und ohne Verletzungen lösen kann, sogar dann, wenn man sich vom Partner angegriffen fühlt.

Von Buddha ist eine Geschichte überliefert, wonach wir im Leben immer wieder mit unvermeidlichem Schmerz konfrontiert werden, uns aber im Anschluss daran weiteren, vermeidbaren Schmerz selbst zufügen. Buddha verwendet hier die Metapher vom ersten und zweiten Pfeil: Verbrenne ich mich beispielsweise beim Kaffeekochen mit heißem Wasser, dann spüre ich einen unmittelbaren, heftigen Schmerz – das ist der erste Pfeil, der mich trifft. Dann aber schießen mir Gedanken durch den Kopf: „Verdammt, tut das weh!“ Das ist der zweite Pfeil, auf den weitere folgen: „Muss das gerade jetzt passieren! Wie kann ich nur so unachtsam sein? Ich habe mir doch neulich schon wehgetan, als ich mich mit dem Küchenmesser geschnitten habe!“ Gedanke reiht sich an Gedanke, ein Pfeil folgt dem nächsten. Worauf Buddha uns mit seinem Gleichnis hinweist:
Erst durch unsere emotionalen Reaktionen auf einen unvermeidlichen Schmerz sorgen wir dafür, dass der Schmerz so groß wird.
Vom ersten Pfeil werden wir getroffen, den zweiten und alle weiteren schießen wir selbst ab.
Gerade über die, die wir lieben, regen wir uns oft besonders schnell (und lange) auf. Menschen, die uns etwas bedeuten, geben wir oft viel zu viel Macht über uns. Vertritt etwa der geliebte Partner eine gegenteilige Ansicht, kann dies Enttäuschung in uns auslösen (1. Pfeil), sich aber auch wie eine existentielle Bedrohung anfühlen, als ob uns unser Partner für immer seine Zustimmung entzogen hätte (2. Pfeil). Macht unser Partner Vorwürfe, fühlen wir uns vielleicht emotional betroffen (1. Pfeil), erleben aber oft auch Schuldgefühle, wollen uns rechtfertigen oder es ihm „mit gleicher Münze heimzahlen“ (2. und 3. Pfeil). Auch hier bleiben wir nicht bei der unmittelbaren Erfahrung des ersten Schmerzes, sondern fügen weitere schmerzliche Gedanken und Reaktionen hinzu.

Noch problematischer wird es, wenn im Konfliktfall alte Verletzungen aus früheren Beziehungen „getriggert“ werden: Wenn ich mich zum Beispiel früher von meiner Partnerin falsch verstanden fühlte, wurde ein altes Leidensthema von mir reaktiviert: Schon von meiner Mutter fühlte ich mich als Kind häufig falsch verstanden; oft wurde ich zu unrecht bestraft. In einer vergleichbaren Situation mit meiner Partnerin wird nun der alte Schmerz meiner Kindheit unbewusst mit dem aktuellen Erleben verknüpft. Die Situation wird emotional aufgeladen, ganze Bündel von Pfeilen werden jetzt in Sekundenbruchteilen abgeschossen – das Schmerzgefühl wird unerträglich. Früher blieb mir in solchen Momenten nur die „klassischen“ Formen der Stressregulierung: Kampf (verbales Zurückschlagen), Flucht (feindseliges Mauern, Kontaktabbruch) oder Erstarrung (emotionales Erfrieren, Gleichgültigkeit).

Sobald die Erregung abgeklungen ist und wir wieder „bei uns“ sind, ist uns klar, dass diese Bewältigungsstrategien in die Sackgasse führen und eine Lösung des Konflikts verhindern. Im Gegenteil, wir haben uns gegenseitig neue Verletzungen zugefügt und uns unnötig geschwächt. Hätten wir doch die Pfeile im Köcher gelassen! Doch läuft all das so schnell und unbewusst ab, dass wir, solange wir nicht als Übende auf dem spirituellen Pfad unterwegs sind und mit Achtsamkeitsübungen unsere Selbstwahrnehmung erweitern, weder mitbekommen noch verstehen, was in uns und unserem Gegenüber abläuft.

Wie der Ausstieg aus der Eskalationsspirale gelingt
Befassen wir uns mit den Grundlagen der Achtsamkeitspraxis, so wird schnell klar, dass wir aus dem angelernten Täter-Opfer-Erleben („du bist Schuld an meinem Unglück!“) aussteigen und Verantwortung für unsere Gefühle, Gedanken und Reaktionen übernehmen müssen.
Wir selbst sind es, in denen unsere Gefühle und Gedanken entstehen – unser Partner ist vielleicht Auslöser, aber niemals Ursache für unser Erleben.
Wir selbst interpretieren jedes Vorkommnis auf unsere Weise und entscheiden mehr oder weniger unbewusst, ob es schmerzhaft ist oder nicht.

Wir selbst fügen einer schmerzhaften Situation weitere Schmerzen hinzu – Buddhas zweite und dritte Pfeile.
Wir selbst sind zuständig für die Art und Weise, wie wir auf eine schmerzhafte Situation reagieren – eine Verletzung kann nur da entstehen, wo es jemand gibt, der sie als solche erlebt.

Das bedeutet: Wenn ich eine Konfliktsituation nicht als „Problem“ erlebe, dann habe ich kein Problem. Wenn ich eine Meinungsverschiedenheit mit meiner Partnerin nicht als „bösartigen Streit“ wahrnehme, sondern als „spannende Auseinandersetzung“, dann kann sie mich emotional nicht in die Enge treiben.

Achtsamkeitspraxis
Wir wissen heute, dass eine regelmäßige Achtsamkeits-praxis nicht nur zu einer besseren Stressbewältigung führt, sondern den Umbau ganzer Gehirnareale sowie die Erweiterung elementarer Beziehungskompetenzen zur Folge hat. Wer regelmäßig meditiert, erfährt eine nachhaltige Stärkung seiner gesamten Persönlichkeit – er darf sich auf deutlich bessere Beziehungen freuen!

Dies ermöglicht uns auch, dass wir Konflikteskalationen schneller beenden können – oder sie gar nicht erst entstehen lassen. Wenn wir erkennen, was wirklich geschieht, können wir eher beim unmittelbaren Erleben bleiben. Dann erkennen wir auch eher unsere Neigung, auf das unmittelbare Erleben unsere eigenen, selbstgemachten Interpretationen und Bedeutungen draufzupacken – also 2. und 3. Pfeile abzufeuern. Anklagen, dramatisieren, verallgemeinern, leugnen, zynisch werden – alles „beliebte“ Beispiele dafür, wie wir mit Giftpfeilen auf uns und unsere Partner schießen.

Wenn wir in einem emotional aufgeladenen Moment innehalten und es schaffen, die Pfeile stecken zu lassen, können sich die segensreichen Auswirkungen der Achtsamkeitspraxis entfalten: Wir können weiter emotional offen sein und unserem Partner einfühlsam begegnen. Wir können die Folgen unseres Verhaltens einschätzen und die Gesamtsituation von einer höheren Perspektive aus überschauen. Wir sehen dann, dass wir unsere Beziehung in Gefahr bringen und uns beide schwächen würden, wenn wir weiter eskalieren. Wenn wir all das überblicken, können wir auch eher ein alternatives Verhalten ausprobieren. Zum Beispiel den Konflikt vertagen:
„Lass uns morgen darüber sprechen, wenn wir uns wieder beruhigt haben“.
Ja, wir können sogar den Entschluss fassen, dass wir für destruktive Streitigkeiten ein für allemal nicht mehr zur Verfügung stehen: „Ja, ich bin auch angespannt und wütend, aber ich werde mich nicht mit dir streiten. Ich werde unserer Beziehung zuliebe keine Feindseligkeiten zulassen, die uns beiden nur wehtun.“

Auch auf Negativität positiv reagieren
Seit ich mir diesen Grundsatz zu eigen gemacht habe und stets versuche, bei negativem Verhalten anderer einen positiven Gegenimpuls zu setzen (wenn mir dies nicht möglich ist, ziehe ich mich zurück), erlebe ich praktisch keine existentiellen Beziehungskonflikte mehr. Im Prinzip ist es ganz einfach: Entscheidet sich einer der Partner, aus der Eskalationsspirale auszusteigen und dem anderen keine weiteren Verletzungen zuzufügen, nimmt der andere dieses Verhalten früher oder später oft selbst an. Wer in einer emotional angespannten Konfliktsituation ruhig bleibt, ermöglicht auch anderen, ihre von Stresshormonen überfluteten Gehirne wieder „runterzufahren“.  Für das Gelingen einer Liebesbeziehung ist es viel wichtiger, einen möglichen Streit im Vorfeld abzufangen, als die verheerenden Folgen einer aus dem Ruder gelaufenen Eskalation wieder auszugleichen.

Sollten Sie demnächst wieder einmal in einer kritischen Situation sein, lassen Sie die Pfeile einfach stecken!