JE HÖHER DAS RISIKO, DESTO UNWICHTIGER DAS BERUFLICHE IMAGE

Stell dir vor, du stündest vor einer wichtigen medizinischen Operation und müsstest dich zwischen zwei Chirurgen entscheiden. Der erste sieht so aus, wie man sich einen Bilderbuch-Chirurgen vorstellt: schmal bis sportlich, mit feingliedrigen, flinken Fingern und selbstbewusstem Habitus. Der zweite Chirurg ist beinahe das komplette Gegenteil: schlecht gekleidet, übergewichtig und mit einem Auftreten, das eher dem eines Metzgers ähnelt als dem eines Mediziners.

Für welchen Chirurgen würdest du dich entscheiden?

Meine Antwort lautet: für den zweiten. Er sieht so wenig nach Chirurgen aus, dass er, so er es denn zu einer gewissen Reputation gebracht hat, zweifelsohne viele Vorurteile überwinden musste. Er musste mit hoher Wahrscheinlichkeit weitaus mehr Hürden nehmen, um sich zu beweisen, als der Bilderbuch-Chirurg. Denn die Leistungen des auf den ersten Blick inkompetent aussehenden Arztes werden im Laufe seiner Karriere viel kritischer beobachtet und bewertet werden als die des Arztes, dessen Erscheinung von vornherein mit unserer Idealvorstellung eines fähigen Chirurgen übereinstimmt. In diesem Kontext entspricht das Überwinden von Widerständen folglich der Entwicklung tatsächlicher chirurgischer Kompetenz.

Noch entscheidender ist allerdings, dass die medizinische Praxis für alle Beteiligten ein hohes Risiko bedeutet: sowohl für den Patienten, dessen Gesundheit auf dem Spiel steht, als auch für den Chirurgen, der im Falle einer vergeigten OP quasi schon mit einem Fuß im Gerichtssaal steht. In dieser Profession zählt also de facto das Ergebnis. Da hat Performance mehr Gewicht als Image.

Aber sollte die tatsächliche Erfolgsbilanz einer Person nicht in jeder Branche grundsätzlich stärker ins Gewicht fallen als ihr Auftreten? Das mag so sein, aber in Berufen, in denen die Akteure weniger persönliches Risiko tragen, ist in der Regel das Gegenteil der Fall. Da ist der Schein meist wichtiger als das Sein. Da basiert die Beurteilung meist weniger auf wirklicher Kompetenz als darauf, in welchem Maße eine Person den Anschein von Kompetenz erweckt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Posten des CEOs. Die Geschäftsführer großer Unternehmen und die Menschen, die sie rekrutieren, gehen in der Regel ein wesentlich niedrigeres Risiko ein als Ärzte und die Menschen, die sie auswählen: die Patienten. Wenn ein CEO einen Job vergeigt, kostet es keinen der Anteilseigner das Leben, und am Ende streicht er vermutlich trotzdem seinen Bonus ein.

Bei so wenig persönlichem Risiko passiert es schneller, dass hochrangige Führungskräfte nicht auf Basis ihrer wirklichen Kompetenz bewertet werden, sondern auf Basis ihres Images. Nehmen wir als Beispiel Ronald Reagan. Er wurde seinerzeit zum US-Präsidenten gewählt, weil die Kandidaten die Wahl nicht durch eine objektive Beurteilung ihrer Kompetenz gewinnen, sondern durch ihre Popularität. Reagan sah so aus, wie sich die Menschen eine Person in seiner Position vorstellten.

Was heißt das nun für dich?

Hinterfrage die Maßstäbe deines (z.B.) Arztes

Ärzte legen ihren Entscheidungen andere Maßstäbe zugrunde als ihre Patienten. Die Leistung deines behandelnden Arztes wird vermutlich über längere Zeiträume hin beurteilt. Für dich aber geht es um deine Gesundheit und diese spezielle Behandlung. Stelle daher sicher, dass dein Arzt wirklich sensibel für deinen individuellen Fall ist. Das ist dein gutes Recht als Patient.

Je genauer du die Zusammenhänge in deinem Leben beobachtest – eigene und fremde Kaufentscheidungen, soziale Kontakte und berufliche Beziehungen –, desto häufiger werden dir die versteckten Muster dahinter bewusst: z.B. die Asymmetrie der Informationen, die verborgenen Motive anderer Menschen und der Einfluss von Risiko und wirklicher Präferenz. Mach dir genau bewusst, wer in einer bestimmten Situation am meisten und wer am wenigsten zu verlieren hat.