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Krankheit – eine Frage des Charakters? – 6/8

Auf dem neunten Internationalen ALS-Symposium im Jahr 1998 hielten zwei Neurologen einen Vortrag mit dem Titel Warum sind Patienten mit ALS so nett? ALS – oder Amyotrophe Lateralsklerose – ist eine Erkrankung des Nervensystems, die zu fortschreitender Lähmung führt. Und den beiden Neurologen war Folgendes aufgefallen: In medizinischen Berichten zu Tests auf ALS fand sich oft die Bemerkung, dass ein Patient „nicht nett genug“ sei, um ALS zu haben.

Fast immer stellten sich solche Vorhersagen als richtig heraus. Und obwohl Nettigkeit kein besonders wissenschaftliches Maß ist, wird sie inzwischen als eine wichtige Komponente der ALS-Persönlichkeit erachtet.

Viele Menschen mit ALS berichten von Kindheiten, die von emotionaler Kälte oder Verlust geprägt sind. Im Erwachsenenalter führen solche Vorgeschichten häufig zu einem Muster aus emotionaler Unterdrückung und extremem Pflichtbewusstsein, das andere Menschen oft als unfehlbare Nettigkeit erleben.

Lou Gehrig, der berühmte Baseballspieler der New York Yankees, ist ein anschauliches Beispiel für die ALS-Persönlichkeit. Gehrig hatte eine schwere Kindheit. All seine jüngeren Geschwister starben innerhalb eines Jahres nach der Geburt, und sein Vater litt an Alkoholismus und Epilepsie.

Schon lange bevor er mit ALS diagnostiziert wurde, zeichnete sich Gehrig durch extreme Nettigkeit aus. Einmal nahm er einen kranken Baseball-Kollegen bei sich zu Hause auf, damit Gehrigs Mutter ihn gesund pflegen konnte. Gehrig schlief auf der Couch und überließ dem Mannschaftskameraden sein Bett. Sich selbst behandelte Gehrig allerdings nie so nett. Er trug den Spitznamen The Iron Horse, also „das eiserne Pferd“, weil er auch bei Krankheit oder Verletzung weiterspielte – selbst mit gebrochenen Fingern.

ALS-Patienten sind aber nicht die einzigen Erkrankten, die bestimmte Persönlichkeitsmerkmale teilen. Auch bei Menschen mit Krebs zeichnet sich ein gewisses Charakterbild ab.

Das wurde in einer Studie aus dem Jahr 1984 deutlich, die die Stressreaktionen von gesunden Menschen mit jenen von Krebs- und Herzkranken verglich. Die Teilnehmenden wurden mit Aussagen wie „Du bist hässlich!“ oder „Das ist alles deine Schuld!“ konfrontiert. Und bei allen ähnelte sich die körperliche Stressreaktion.

Doch Menschen mit Krebs leugneten ihre emotionale Reaktion auf die Botschaften viel häufiger als Gesunde und Herzkranke. Diese Reaktionen deuteten auf ein Muster der emotionalen Verdrängung bei Krebskranken hin. Viele von ihnen sind darum bemüht, stets eine starke Fassade aufrechtzuerhalten.

Manche Krankheiten gehen also häufig mit bestimmten Charaktermerkmalen einher.

Trotz dieser Verbindung ist es wichtig, festzuhalten, dass kein Charakterzug ALS, Krebs oder andere Erkrankungen verursachen kann. Aber bestimmte Muster aus Emotionen und Verhalten machen uns in Kombination mit genetischer Veranlagung für bestimmte Krankheiten anfälliger.