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Erlernte Hilflosigkeit, erworbene Krankheit – 4/8

Es ist schwer zu glauben, dass sich jemand angesichts einer Krise aktiv dazu entscheiden würde, nichts zu tun. Aber tatsächlich ist erlernte Hilflosigkeit eine häufig eingesetzte Bewältigungsstrategie.

Menschen mit erlernter Hilflosigkeit lassen belastende Lebensumstände tatenlos über sich ergehen – egal ob dysfunktionale Beziehung oder erdrückender Job. Und selbst wenn sie die Möglichkeit hätten, sich ganz einfach aus der Situation zu befreien, bleiben sie hilflos. Dieser ungesunde Bewältigungsmechanismus führt mit der Zeit unweigerlich zu einem erhöhten Stresslevel.

Bei Natalie, einer Klientin, entstand eine erlernte Hilflosigkeit, um verschiedene Stressfaktoren in ihrem Leben zu bewältigen. Doch 2016 stieg ihre Belastung auf ein extrem hohes Niveau: Im März entließ man ihren 16-jährigen Sohn aus der Drogenentzugsanstalt, im Juli wurde ihr Mann Jörg wegen eines bösartigen Tumors operiert – später stellte sich heraus, dass der Krebs bereits Jörgs Leber angegriffen hatte.

Währenddessen litt Natalie unter Anfällen von Müdigkeit, Schwindelgefühl und Ohrensausen. Allerdings zeigte eine CT-Untersuchung keine Anomalien. Erst ein MRT ergab die Diagnose Multiple Sklerose. MS ist eine Krankheit, die die Funktion der Zellen im zentralen Nervensystem beeinträchtigt.

Doch ihre Ursachen sind ein Rätsel. Ein erhöhtes Risiko für die Krankheit kann zwar vererbt werden, nicht aber die Krankheit selbst. Selbst Menschen, die alle Risiko-Gene besitzen, erkranken am Ende oft nicht an MS. Experten gehen deshalb davon aus, dass der Ausbruch der Krankheit durch Umweltfaktoren ausgelöst wird – zum Beispiel durch Stress.

Tatsächlich haben Studien ergeben, dass bei 85 Prozent der MS-Patienten die ersten Symptome infolge eines stark belastenden Ereignisses auftraten. Außerdem ist das Risiko, dass sich die Symptome verschlimmern, fast vierfach erhöht für MS-Patienten, die unter Belastungen wie Beziehungsproblemen oder finanzieller Unsicherheit leiden.

Das Problem sind aber nicht die stressigen Ereignisse selbst, sondern die erlernte Hilflosigkeit angesichts dieser Umstände. So kümmerte sich Natalie um ihren krebskranken Mann – obwohl er eine Affäre hatte, stark trank und sie regelmäßig in der Öffentlichkeit blamierte. Ihre erlernte Hilflosigkeit nutzte Natalie, um mit den Verfehlungen ihres Mannes umzugehen, doch der emotionale Druck trug zweifellos zur Entwicklung ihrer MS bei.

Das Fazit? Umweltfaktoren wie Stress und ungesunde Bewältigungsstrategien angesichts solcher Belastungen können zum Ausbruch von Krankheiten beitragen.

Ihr Bewältigungsmechanismus half Natalie zwar, belastende Ereignisse nicht mehr bewusst als stressig wahrzunehmen. Doch der Stress wurde lediglich an eine andere Stelle verlagert – in ihren Körper.