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Die Eltern-Kind-Bindung bestimmt unser Leben – 7/8

Das menschliche Gehirn durchläuft eine einzigartige Entwicklung. Wenn ein Neugeborenes den Mutterleib verlässt, ist sein Gehirn ziemlich klein und unreif. Doch dann wächst es enorm schnell. 90 Prozent der Gehirnentwicklung erfolgen nämlich erst nach der Geburt. Und allein in den ersten Monaten bildet das Gehirn Millionen von neuen Verbindungen.

Man kann sich also leicht vorstellen, dass unsere Erfahrungen in dieser Entwicklungsphase stark bestimmen, wie wir die Welt verstehen. Ein gewisses Maß an genetischem Potenzial wird zwar vererbt. Doch damit es sich entfalten kann, muss man es nähren – und zwar mit Interaktionen, die unsere Nervenzellen stimulieren und uns beibringen, wie wir uns in der Welt verhalten sollen.

Die wichtigsten dieser frühen emotionalen Interaktionen sind jene zwischen Kind und Eltern. Sie beeinflussen das kindliche Weltverständnis maßgeblich. So lernt bereits ein Baby, ob es in einer Welt der Vernachlässigung und Gleichgültigkeit lebt – oder in einer Welt der Liebe und Akzeptanz.

Auch körperliche Berührungen sind im Kleinkindalter für eine gesunde Entwicklung extrem wichtig. Sie fördern sowohl körperliches Wachstum als auch die geistige Entwicklung. Aber Berührung allein ist nicht genug. Genauso entscheidend ist die Qualität der Einstimmung – also wie sehr die Eltern auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes eingestimmt sind: Eltern, die nicht gut darin sind, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen, animieren es beispielsweise zum Spielen, wenn es eigentlich Ruhe braucht – oder umgekehrt.

Ein Mangel an Einfühlsamkeit und körperlicher Berührung vonseiten der Eltern kann im gesamten Leben eines Kindes nachhallen. Das zeigt auch der berühmte entwicklungspsychologische „Fremde-Situations-Test“ von Mary Ainsworth.

Dabei beobachteten Forscher in den Siebzigerjahren ein Jahr lang die Interaktionen zwischen Kleinkindern und ihren Müttern zu Hause. Danach lud man die Mutter-Kind-Paare in ein Labor ein. Dort verbrachten die Kleinkinder zunächst drei Minuten nur mit der Mutter, daraufhin drei Minuten mit dieser und einer fremden Person, dann die gleiche Zeit nur mit der fremden Person und schließlich alleine.

Die Ergebnisse des Experiments waren aufschlussreich. Kleinkinder, die zu Hause einfühlsame Aufmerksamkeit erhielten, schienen ihre Mutter zwar zu vermissen, wenn diese den Raum verließ – beruhigten sich aber schnell, sobald sie zurückkehrte. Diese Kinder hatten einen sicheren Bindungsstil. Andere hingegen zeigten verschiedene unsichere Stile. Kinder mit vermeidendem Bindungsstil verzweifelten zum Beispiel überhaupt nicht, wenn sie von ihren Müttern getrennt waren – schienen aber deutlich gestresst, wenn sie wieder zurückkehrten.

Wir lernen also schon durch sehr frühe Interaktionen mit unseren Eltern, die Welt auf eine bestimmte Weise zu interpretieren und uns entsprechend zu verhalten.

Und diese frühe Prägung hat weitreichende Folgen. So sind Kleinkinder mit einem sicheren Bindungsstil später als Jugendliche emotional reifer, sozialer und besser in der Schule als Gleichaltrige mit unsicherem Bindungsstil. Unsere ersten Lebensjahre bestimmen also, wie wir uns als Erwachsene in der Welt bewegen – auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.