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Überzeugendes Ethos basiert auf Tugend, praktischer Weisheit und Uneigennützigkeit

Nun soll dich dein Publikum nicht nur mögen, sondern auch deinem Urteil folgen. Anstand allein macht dich noch nicht zur Führungsfigur, der andere ihr Schicksal anvertrauen. Was braucht es also noch für überzeugendes Ethos?

Abraham Lincoln war ein Musterbeispiel für einen Rhetoriker mit Ethos. Die Unterstützung der Liberalen und Afroamerikaner reichte nicht, um die Sklaverei einzudämmen. Lincoln musste auch reaktionäre Republikaner mit ins Boot holen. Also passte er sich ihren Gepflogenheiten mit reichlich Decorum an, sprach mitunter sogar genauso despektierlich über Schwarze wie sie. Das verschaffte ihm am Ende auch in diesen Kreisen die nötige Glaubwürdigkeit und Unterstützung.

Aristoteles zufolge beruht überzeugendes Ethos auf drei Eigenschaften: Tugendhaftigkeit, praktischer Weisheit und Uneigennützigkeit. Aber Moment mal, was soll man sich denn heute unter Tugendhaftigkeit vorstellen? Das klingt irgendwie nach verstaubten Moralvorstellungen und sexistischen Rollenbildern, oder?

Tugend bedeutet nicht, wie Jesus über alle Charakterschwächen erhaben zu sein. Vielmehr geht es darum, glaubhaft zu vermitteln, dass man für die richtigen Werte steht – nämlich die des Publikums. Tugendhaftigkeit heißt, wie Lincoln damals für eine Sache zu kämpfen, die größer ist als man selbst. Übrigens: Eine Selbstunterbrechung wie „Moment mal“ ist ein typischer rhetorischer Kniff, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken.

Es gibt vier Taktiken, um Tugendhaftigkeit zu demonstrieren. Die einfachste ist die Prahlerei. Du kannst deine Taten beiläufig selbst ins Feld führen, bescheidenere Redner lassen sich von anderen loben. Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain beispielsweise wurde im Wahlkampf gegen Barack Obama immer wieder für seine Tapferkeit im Vietnamkrieg gerühmt.

Oder aber du stellst elegant heraus, welche Opfer du für deine Sache erbracht hast. George Washington soll sich seine Lesebrille einst mit diesem Kommentar aufgesetzt haben: „Verzeihen sie Gentleman. Meine Augen sind im Dienst für mein Land schlecht geworden“. Diesen Kniff kann übrigens jeder anwenden. Wenn du bis Mitternacht an einem Memo schreibst und tags darauf Schreibfehler drin sind, erkläre dich selbstbewusst: „Mein Fehler. Ich habe Überstunden gemacht und wollte niemanden mitten in der Nacht für ein Lektorat wecken.“

Die vierte Taktik besteht darin, deine Meinung zu ändern, wenn du merkst, dass alle Argumente gegen dich sprechen. Das kann knifflig sein, aber mit etwas Geschick und einer Portion Entschlossenheit beweist du Größe. So viel zum ersten Element des Ethos. Sehen wir uns im nächsten Blink die anderen beiden an.