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Praktische Vernunft bedeutet Erfahrung, Uneigennützigkeit bedeutet Engagement

Wenn du als Aktivistin für die Umwelt kämpfst, folgen dir die Menschen vielleicht zur Demo am Kohlemeiler. Sie würden sich aber nicht von dir am Blinddarm operieren lassen. Der Grund dafür ist praktische Vernunft.

Aristoteles bezeichnete sie als Phronesis, also als praktische Weisheit. Gemeint sind Kompetenz und Erfahrung. Ärzte, aber auch Juristen und Unternehmer bringen reichlich davon mit – darum werden Letztere gerne in politische Ämter gewählt. Es geht um handwerkliches Geschick und den Riecher dafür, was zu tun ist. Die drei Astronauten der Apollo 13 hatten ihn, als sie den defekten Luftfilter ihrer abstürzenden Raumkapsel selbst reparierten.

Drei Techniken helfen dir, andere von deiner Phronesis zu überzeugen. Erstens kannst du deine Erfahrung ins Spiel bringen. Wenn deine Firma in eine heikle Situation gerät, sag: „Ich habe das schon einmal erlebt. Wir schaffen das.“

Zweitens kannst du dich im Ernstfall über die Regeln hinwegsetzen. Ein erfahrener Kapitän weiß, dass im Sturm keine Zeit fürs Protokoll ist. Da muss es schnell gehen und jeder Handgriff muss sitzen.

Drittens kannst du dich für den moderaten Mittelweg entscheiden. Schon die alten Griechen schätzten es, wenn Menschen Kompromisse zwischen Extremen finden konnten – es zeugt von Größe und Souveränität.

Kommen wir nun zur Uneigennützigkeit, dem dritten Element des Ethos. Im 18. Jahrhundert verschenkten einige US-Politiker ihr ganzes Vermögen, um Selbstlosigkeit zu demonstrieren. So weit musst du nicht gehen. Cicero empfahl stattdessen die widerwillige Schlussfolgerung: Du tust so, als würdest du es am liebsten anders machen, dich aber dem fügen, was vernünftig ist.

Nehmen wir an, dein 19-jähriger Sohn will sich für den Kinoabend mit der Freundin dein Auto leihen. Er sagt: „Ich würde ja laufen, aber ihr Vater hält das für gefährlich.“ Wie uneigennützig von ihm. So verlagert er den Fokus geschickt von der Bitte auf die Sicherheit seiner Freundin.

Ein weiterer Trick ist die Dubitatio. Das kommt vom lateinischen Verb für „zweifeln“, „zögern“. Du spielst deine rhetorische Raffinesse herunter, um einfach, bescheiden und aufrichtig zu wirken. Abraham Lincoln gab in seiner Rede vor der New Yorker Bildungselite das einfache Landei und eröffnete mit dem Verweis, die Menge werde „nichts Neues“ von ihm hören.

Das war brillant. Ein gebildetes Publikum hat Mitleid mit unbeholfenen Rednern. Die Akademiker senkten ihre Erwartungen und Lincoln wickelte sie klug um den Finger. Er brachte die Probleme der Nation treffsicher auf den Punkt und präsentierte gangbare Lösungen. Die Rede war ein Riesenerfolg.