Kategorien
BLOG

Nutze Ethos und mach dich mit der Taktik des Decorum bei deinem Publikum beliebt

Ethos ist der Grund, warum Bankangestellte geschlossene Schuhe tragen und Teenies sich auch ohne elterliche Zustimmung Bauchnabelpiercings stechen lassen. Denn wir Menschen passen uns unserem direkten sozialen Umfeld an – egal ob in der Kneipe, im Büro oder auf dem Schulhof.

Das griechische Wort Ethos heißt so viel wie „Sitte“, „Brauch“ oder „Gewohnheit“. In der Ethik geht es um die Fähigkeit des Menschen, sich entsprechend den gebräuchlichen Regeln, also dem Code seines sozialen Umfelds zu verhalten.

Daher besteht der erste Schritt der charakterlichen Überzeugungsarbeit darin, sich den Erwartungen des Publikums anzupassen. Cicero erfand dazu die Taktik des Decorum. Das lateinische Wort decorus bedeutet „passend“ oder „geeignet“. Damit sind jedoch mehr als nur die banalen Benimmregeln des Knigge gemeint.

Decorum ist das taktische Geschick, als Redner die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Das kann beispielsweise das Erscheinungsbild, die Sitten oder die Sprechweise betreffen. Verdeutlichen wir das an einem Negativbeispiel: Ein 50-jähriger Vater mit breiten Baggy Pants ist peinlich. Sich auf diese Weise an seine jugendlichen Kinder anzunähern wirkt plump und ungeschickt.

Ein Redner mit Decorum beherrscht Stimme und Gestik. Er ist angemessen gekleidet, beweist Manieren und ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Damit waren die alten Griechen und Römer den modernen Etikette-Ratgebern für Geschäftsmenschen um Jahrtausende voraus.

Aber Achtung: Es geht nicht darum, den Code des Publikums nachzuahmen. Vielmehr geht es darum, ihre Erwartungen zu verkörpern. Ein Meister des Decorum schafft es, zum Sprachrohr des Kollektivs zu werden. Er wird zum personifizierten Konsens.

Ein schönes Beispiel aus der Popkultur findet sich in dem Hip-Hop-Film 8 Mile, der an das Leben des Rappers Eminem angelehnt ist. Im finalen Rap-Battle steht sein Charakter seinem rhetorischen Erzfeind gegenüber. Eminem erfüllt fast alle Kriterien für Decorum: Er trägt eine Basecap, Baggy Pants und das obligatorische Bling-Bling. Aber: Er ist weiß und alle anderen schwarz.

Eminem gewinnt, indem er seinen Widersacher bloßstellt. Das vermeintliche Gangmitglied wuchs behütet auf und ging auf eine Privatschule. Er dagegen wuchs in einem geparkten Wohnwagen auf und musste sich in der weißen Unterschicht der USA durchschlagen. Das bringt die Stimmung zum Kippen. Das Publikum durchschaut die Farce des Gegners und hält den weißen Underdog für authentisch. Eminem entscheidet das Duell durch Ethos für sich.