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Mentale Geheimwaffe – und Lego

Warum Allgemeinbildung wichtig ist und was das mit Legomodellen zu tun hat

Unser Gehirn ist so besonders leistungsfähig, weil es “robuste Denkkategorien” bilden kann und diese auf neue Sachverhalte überträgt. Ich bezeichne diese Fähigkeit als mentale Geheimwaffe. Um diese weiter zu schärfen, braucht es eine andere Art zu lernen – oder vielleicht doch nicht?

Fest steht nicht erst seit gestern, dass das Anhäufen von Wissen, von Daten und Fakten längst von Computern besser beherrscht wird als von uns. Wir müssen also nicht mehr ohne Ende Wissen abspeichern. Aber was wir gut können, ist die Bildung von Hypothesen, von Modellen und Konstruktionsprinzipien. Wir sind in der Lage, typische Eigenschaften von Dingen, Erlebnissen, Beobachtungen herauszufiltern und sie zu einem Schema zusammen zu fügen. Das nennt sich “Gist-extracition” – die Extraktion des Wesentlichen.

Das passiert offenbar auch ganz real in unserem Kopf: Merken wir uns Dinge einfach nur, springt der Hippocampus an. Aber sobald wir anfangen, Zusammenhänge herzustellen, nach dem Ordnungsprinzip der Dinge zu schauen, dem, was sie verbindet, werden Areale im seitlichen und hinteren Teil des Gehirns aktiv und vom Stammhirn koordiniert.

Dieses Erkennen des Wesentlichen haben wir offenbar dem Computer voraus, ein einfacher Begriff dafür lautet: Verstehen! Aber was bedeutet das für Lernen? Brauchen wir jetzt neue Lernformen?

Sicher, Auswendiglernen von Zahlen und Namen ergibt nicht mehr wirklich Sinn. So muss man vermutlich Kindern im Biologie-Unterricht nicht als Hausaufgabe mitgeben, die Namen aller möglichen Pflanzen auswendig zu lernen. Was aber dann?

Wenn ich heute über eine Wiese laufe und eine mir unbekannte Blüte sehe, dann pflücke ich sie nicht mehr und schlage zu Hause in einem Buch nach, wie diese wohl heißen mag. Ich richte mein Smartphone auf sie und erhalte in wenigen Sekunden nicht nur den Namen, sondern auch noch Details über Vorkommen, Nutzen, Verwendungsmöglichkeiten usw. Der Unterschied zu vorher: Ich musste bestimmte Merkmale der Blüte erkennen, die Farbe bestimmen, vielleicht noch die Blattform, um mich dann durchzuhangeln und die Zahl der möglichen “Kandidaten” zu verringern. Auf diese Weise erwarb ich eine Menge an Wissen, dass mir half, eben die beschriebenen Kategorien zu bilden.

All das benötige ich nicht mehr: Ein Foto mit dem Smartphone und eine Internetverbindung reichen.

Früher spielten wir mit Legosteinen, bauten aus ihnen eine Ritterburg und spielten damit Rollenspiele. Heute gibt es grandiose Bausätze, mit denen man das Empire-State-Building zusammensetzt, ebenso Rennwagen, Raumschiffe und vieles davon inzwischen sogar schon programmierbar.

Dafür benötigen wir aber keine Fantasie mehr, keine Fähigkeit, mentale Modell zu bilden. Wir folgen der Anleitung, dem Plan, und wenn das Gebäude fertig ist, spielen wir damit nicht, sondern stellen es in den Schrank.

Was ist dann mit den Forderungen, immer mehr neue Schulfächer einzuführen, u.a. das Programmieren? Klar wäre es gut, wenn junge Leute hiervon ein Grundverständnis hätten, so wie von Chemie, von Physik, von Literatur, Sprache, Geschichte. Aber Programmiersprachen erlernen führt nicht zu guten Programmierern, das können bald die Rechner selbst erledigen. Schön ausgedrückt: Wer nur das nachvollzieht, was andere sich ausgedacht haben (Stichwort Lego-Modelle), der wird passiv und satt, die Folge ist eine Gesellschaft von “Reproduzierern”.

Ich plädiere für eine umfassende Allgemeinbildung, die es ermöglicht, Dinge zu verstehen. Aber ist das nicht schon lange der Ansatz unseres Bildungswesens? Wir sollten ihn nur nicht aufgeben. Und vielleicht den Bausätzen und Spiele-Wünschen unserer Kinder widerstehen und stattdessen wieder Ritterburgen verschenken…