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Sind Psychologen die besseren Coachs?

 

Akademisches Psychologie-Wissen macht nicht den Unterschied

Gegenfrage: Worauf zielt der Komparativ? Meint „besser“ hier „wirkungsvoller“, was die Erwartungen und Zielerreichung des Coaching-Kunden anbelangt? Oder verweist „besser“ auf die professionellere Handhabung von Coaching-Strategien und -tools? Oder ist „besser“ noch grundsätzlicher gemeint: besser als Coachs mit anderen beruflichen Herkünften und Ausbildungen?

In den vergangenen 30 Jahren wurde bereits mehrfach festgestellt: Laientherapeuten sind den ausgebildeten Psychotherapeuten in der Wirksamkeit ebenbürtig. Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass dies ebenso für Coaching gilt.

Die Beherrschung und Exekution von formalen Regeln einer Coaching-Basistheorie kennzeichnet sicherlich nicht den besseren Coach. Oft sind es gerade die „professionellen“ Fehler, die einen Coaching-Prozess zum Erfolg führen.

Sind Psychologen ohne qualifizierte Coaching-Ausbildung grundsätzlich bessere Coachs als beispielsweise Medizinerinnen, Krankenpfleger, Theologen, Pädagogen, Soziologinnen, Schauspieler, Betriebswirte mit qualifizierter Coaching-Ausbildung? Nein!

Warum? Für die Fragestellung „Wie mache ich Karriere in einem Großunternehmen?“ suche man sich vernünftiger und zielführender Weise einen managementerfahrenen Senior als Coach oder vielleicht auch einen Soziologen mit dem Schwerpunkt Mikropolitik. Die Problemstellung „Wie kann ich bei öffentlichen Auftritten überzeugend mich selbst und mein Anliegen darstellen?“ kann einen Psychologen erfordern (bei dysfunktionaler Selbstaufmerksamkeit) oder einen Schauspieler-Coach (bei Unachtsamkeit hinsichtlich der eigenen physischen Präsenz) oder einen freundlichen, erfahrenen Kollegen für einen Survey-on-the-Job (bei mangelnder unmittelbarer Rückmeldung).

Im Falle von Business-Coaching kommt es – wie überall, wenn fundiertes Know-how von Nöten ist – auf die Fragestellung an, wer der not-wendige Spezialist und Experte für das Anliegen ist.

Akademisch-wissenschaftliches Psychologie-Wissen macht nicht den Unterschied aus zwischen einem erfolgreichen und einem mangelhaften Coach. Wenn dies – wir wissen es nur zu gut – nicht als erfolgskritische Variable zu verstehen ist, was bleibt dann dem Psychologen an Vorteilen gegenüber all denen, die in ihrem Studium den Menschen als psychosoziale Einheit zum Objekt ihrer Neugier machen können? Wenn eine Schauspielerin, ein berufserfahrener Manager, ein Betriebswirt, Philosoph oder Jurist eine fundierte beraterische Zusatz-/Coaching-Ausbildung durchlaufen, dann haben sie die Basis, von der aus sie ihr Expertentum in Coaching-Prozessen wirksam werden lassen können.

Eine solche Zusatzausbildung ist allerdings unverzichtbar; auch und unbedingt für Psychologen, die aus einem therapeutischen Kontext oder der klinischen Psychologie kommen: Damit endlich die defizitorientierten, störungsfokussierten Katastrophenbeschwörungen von psychologischen Business-Coachs ein Ende haben und sicher gestellt ist, dass nicht unzulässig dort psychologisiert wird, wo sich etwa ein struktureller Konflikt in wundersamer Weise zur „depressiven Episode“ des Klienten verwandelt.

Was unterscheidet also den besseren Coach vom Mittelmaß, wenn es nicht das Studium ist? Etwas, das nicht in Ausbildungen – und zwar weder in Coaching-Ausbildungen, noch im Psychologiestudium – erworben werden kann: Die Fähigkeit, von der eigenen Eitelkeit Abstand zu nehmen, sich selbst im Coaching-Prozess nicht wichtiger zu nehmen als den Klienten. Es unterscheiden sich Mittelmaß und hohe Qualität weiterhin in den gelebten ethischen Grundlagen, dazu gehört auch, sich selbst nicht zu über- und zu unterschätzen. Weiterhin: Integrität und Ehrlichkeit, Empathie und Wohlwollen und der Mut, Grenzen aufzuzeigen, auch dort, wo dadurch wirtschaftliche Verluste drohen.

Da in der überwiegenden Anzahl der Fragestellungen im Business-Coaching die Faktoren Persönlichkeit und berufliches Umfeld eng miteinander verwoben sind, sind neben der Fähigkeit, selbstreflexive Prozesse zu initiieren und zu unterstützen, Feldkompetenz sowie Führungs- und Unternehmenserfahrung für den Coach absolut erfolgskritisch.

Coaching erscheint als ein zu komplexes soziales Geschehen, als dass es mit einem kompetitiven „Wer kann’s besser?“ abzubilden wäre.